Entzauberungs- und Imaginationsarbeiten im Emigrationskino
Imaginary and Disenchantment in italian cinema of emigration
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (40%); Kunstwissenschaften (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (40%)
Keywords
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Italian Cinema Of Emigration,
Imaginary Of Migration,
Italian Emigration,
Disenchantment
Die italienische Emigrationserfahrung ist Teil des kollektiven Gedächtnisses und findet starken Widerhall in einem sehr bunten Fundus populärkultureller Praktiken. Film, Fernsehen, Musik und Literatur erzählen von dieser Utopie der Moderne, der Suche nach Glück, Freiheit und Selbstbestimmung, aber auch von Not, Misere und Armut die zur Auswanderung führten und kollektive Vorstellungs- und Erinnerungswelten prägt. Insbesondere das Kino zieht diese imaginäre Topographie, meist ein Druckgefälle vom manifestem Mangel hin zur latenten Fülle, in Gestalt. Es bebildert eine onirische Landschaft des Unbewussten als mythisches paese della chimera, Schlaraffenland der cuccagna oder als biblischen Ort der Erlösung, wo Milch und Honig fließen. Es sind rund 100 Jahre Filmgeschichte, die die historischen Fakten der italienischen Auswanderung mit einem kinematographischen Konglomerat von Visionen und Träumen begleiten, ihr vorausgehen und folgen. Als überlagernde bzw. interferierende Wissensordnung folgt das Kino redundanten Tiefenstrukturen und bunten Erzähloberflächen, die sich im kollektiven Bewusstsein sedimentieren und diese Gedächtnisbestände modellieren. Auswanderungsnarrative, so das Desiderat der vorliegenden Arbeit, bedarf es nun ebenfalls in ihrer Korrelation mit Prozessen filmischen Imagination zu bestimmen, um somit auch den Blick nach innen zu schärfen. Die Inszenierung einer kollektiven Imago (Traumlandschaften, Imaginationen und Möglichkeitsräume), werden als filmischer Anteil sozialer Wirklichkeit (insbesondere in der italienischen Forschungsliteratur) häufig verkannt. Dabei bespielt Emigration auch eine innere Bewegtheit (in) der Welt, die wiederum als (innerer) Widerstand, so die grundlegende These, in seiner kulturellen Funktion als Entzauberung großer Erfüllungserzählungen zu bestimmen sei. Abzulesen seien diese Widerstände, so die Prämisse, in den vielfältigen Erscheinungsformen (re)produktiver filmischer Imaginationsarbeit. Über einen diachronen und kursorischen Blick in die italienische Filmgeschichte werden populäre und auch weniger bekannte Emigrationsfilme unter dieser Perspektive neu profiliert und miteinander in Korrelation gesetzt. In dieser Filmgeschichte geht es um das jeweils filmische Potenzial des Zeigens, Verbergens und Entzauberns. Eine Trias, die als emotionale Basis der Emigration gedeutet werden kann. Gerade die filmischen Verfahren der (verschobenen, auf Differenz hindeutenden) Verdopplung wie beispielsweise das Spiel mit on und off screen, kontrapunktische Musik, Dekadrierungen, Spiegelungen im filmischen Bild, aber vor allem die zahlreichen intra- und intermedialen Bezüge öffnen Horizonte, fächern Wahrnehmungsdispositive auf, schaffen Leerstellen für Wünsche, Hoffnungen, italienische Identitätszuschreibungen und können diese andernorts wieder entzaubern.