Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
Memory Studies,
Austria,
Trümmerfrauen,
Reconstruction,
Post War
Abstract
Am 3. Oktober 2018 eröffnete der damalige österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ)
im ersten Wiener Gemeindebezirk ein Denkmal für die österreichischen Trümmerfrauen und löste
damit eine für österreichische Verhältnisse relativ breit geführte Debatte über deren Status aus. In
diesem Spannungsfeld ist auch das vorliegende Buch zu verorten, das diesem Mythos nachspürt und
ihn dekonstruiert.
Die so genannten Trümmerfrauen sind zu einem erinnerungspolitischen Fixpunkt der Darstellung
der unmittelbaren Nachkriegszeit geworden: Mit Schaufel, Schürze und Kopftuch befreiten sie die
Straßen der Bundeshauptstadt Wien vom Schutt des Krieges - so zumindest die populäre Erzählung.
Bilder von ihnen finden sich in Schulbüchern und kaum eine historische Dokumentation kommt ohne
eine Referenz an sie aus. Bei den so genannten "Trümmerfrauen" handelt es sich aber um einen
geschichtspolitischen Mythos.
Tatsächlich waren es aber in erster Linie zwangsverpflichtete ehemalige Nationalsozialist:innen, die
in der unmittelbaren Nachkriegszeit den absoluten Großteil der manuellen Trümmerarbeit verrichtet
haben. Wie aus dieser gesetzlich verordneten Sühnearbeit in weiterer Folge ein spezifisch
österreichischer Trümmerfrauen-Mythos entstehen konnte, steht im Mittelpunkt dieses Buches.
Martin Tschiggerl verortet die Geburt der österreichischen Trümmerfrau in den späten 1980er
Jahren als eine Re-Aktualisierung der Opferthese unter neuen Vorzeichen und eine Übernahme
deutscher "Trümmerfrauen"-Erzählungen: Als der österreichischen Bevölkerung durch die
geschichtspolitischen Paradigmenwechsel im Umgang mit der NS-Zeit der Opferstatus abhandenkam,
war Platz geworden für neue Opfererzählungen. Der Trümmerfrauen-Mythos stellt eben solch ein
Opfernarrativ dar