Daheimgeblieben.Re-/Konfigurationen von Sorge in der Ukraine
Stayed at home. (Re)Configurations of Care in Rural Ukraine.
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (100%)
Keywords
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Labor Migration,
Care,
Gender,
Rural Ukraine,
Belonging
Wenn Frauen zur Arbeit migrieren, verändert das das Leben in ihren Herkunftsregionen oft tiefgreifend. Die Sozialanthropologin Ilona Grabmaier hat in einem ukrainischen Dorf untersucht, wie Familien, Nachbarschaften und lokale Behörden mit der Abwesenheit von fürsorgenden Frauen umgehen. Wer übernimmt Sorgeverantwortungen? Was bedeutet das für Kinder, Männer und ältere Menschen und welche Rolle spielen Nachbarschaft, Familie und Staat bei der Neuverteilung von Sorge? Während die Lebensrealität von Arbeitsmigrantinnen im Ausland bereits vielfach untersucht wurde, bleibt die Frage nach den Folgen ihrer Abwesenheit für die Herkunftsregionen oft unbeantwortet. Genau hier setzt Grabmaiers Buch an. Basierend auf einer 14-monatigen ethnografischen Feldforschung zeigt die Autorin, wie sich Sorgebeziehungen im Zusammenspiel von Familie, Nachbarschaft, Staat und gesellschaftlichen Umbrüchen verändern. Dabei geht es auch um moralische Fragen: Wer gilt als legitime:r Empfänger:in von Sorge und wer wird als geeignet angesehen, Sorge für andere zu leisten? Mit detaillierten ethnografischen Beschreibungen und analytischer Tiefe verknüpft die Autorin Care, Migration, Staat und Moral auf eindrucksvolle Weise. Sie zeigt, wie individuelle Lebenswege und lokale Erfahrungen eng mit gesellschaftlichen und politischen Veränderungen verbunden sind. Dabei berücksichtigt sie zentrale Faktoren wie Gender, Generation und soziale Herkunft und verdeutlicht, wie diese das Verhältnis von Fürsorge, Verantwortung und sozialer Teilhabe beeinflussen. Anhand konkreter Fallbeispiele wird sichtbar, wie persönliche Erfahrungen mit politischen, wirtschaftlichen und sozialen Prozessen zusammenhängen und wie globale Entwicklungen das Leben der Menschen prägen ebenso wie deren eigene Reaktionen darauf. Grabmaier beleuchtet nicht nur, wie Sorge organisiert wird, sondern auch, wer warum davon ausgeschlossen wird und wie Menschen moralische Bewertungen nutzen, um diese Ausgrenzung zu rechtfertigen. Mit einem innovativen methodisch-theoretischen Ansatz gelingt es ihr, neue Perspektiven zu eröffnen, um komplexe Prozesse von Verantwortung, sozialer Ordnung und Ungleichheit präziser zu analysieren und zu verstehen. Dieses Buch zeigt eindrucksvoll: Care ist nicht nur eine Frage von Nähe und Zuwendung sondern auch ein politisches Feld, in dem moralische Vorstellungen, staatliche Regelungen und Zugehörigkeiten verhandelt werden. Grabmaiers Analyse eröffnet so neue Perspektiven auf den gesellschaftlichen Wandel in Osteuropa und auf das Zusammenspiel von Staat und Familie in einer globalisierten Welt. Ein Buch für alle, die sich für Care, Migration, Moral und soziale Gerechtigkeit interessieren in der Ukraine, in Europa und darüber hinaus.