Anna Freud. Gedichte. Prosa. Übersetzungen
Anna Freud. Poems, Prose, Translations
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Geschichte, Archäologie (20%); Psychologie (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (40%)
Keywords
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Anna Freud,
Jewish History,
Sigmund Freud,
Fin de Siècle Vienna,
Psychoanalysis,
Austrian women's history
Brigitte Spreitzer macht Anna Freuds literarische Texte (Gedichte, Prosaentwürfe im Stil impressionistischer Skizzen, das Fragment eines Roman-Projekts, Gelegenheitslyrik, Übersetzungen) zum ersten Mal vollständig zugänglich. Im ausführlichen Einleitungsteil wird der Kontext erarbeitet, innerhalb dessen diese Texte als paradigmatische Dokumente der Auseinandersetzung einer jungen Frau aus dem assimilierten jüdischen Bürgertum mit den sozialhistorischen und kulturellen Bedingungen im Wien der Jahrhundertwende lesbar gemacht werden. Der Editionsteil besteht aus drei Teilen, die in sich, so weit möglich, chronologisch geordnet wurden: Lyrik, Prosa, Übersetzungen. Den Übersetzungen sind die von Anna Freud als Vorlage benutzten Originaltexte beigefügt, um Einsicht in ihren Übersetzungsstil zu ermöglichen. In den Kommentaren werden textkritische Bemerkungen angeführt, etwaige Datierungsbegründungen gegeben, wenn möglich Personen oder Ereignisse identifiziert und Bezüge zu anderen Dokumenten hergestellt. Das editorische Ziel ist es, eine bequeme Leseausgabe zu schaffen, aber dennoch den Anforderungen historisch-kritischer Editionsphilologie zu entsprechen und daher nicht in das Original einzugreifen. Das Personenlexikon soll eine rasche historische Einordnung genannter Personen ermöglichen, ohne dass ein anderes Nachschlagewerk herangezogen werden muss. Anna Freuds Daten finden sich im Überblick in einer eigenen Zeittafel. Sobald das endgültige Layout erstellt ist, wird in einem allerletzten Schritt ein Personenregister erstellt werden. Die Edition der literarischen Texte von Anna Freud soll eine Lücke in der Freud-Forschung und in der Herausgabe der Werke von Anna Freud schließen. In diesem Sinne ist sie ein Beitrag zur Historiografie der Psychoanalyse im Allgemeinen und der historischen Person Anna Freud im Besonderen. Darüber hinaus versteht sich der Band als Beitrag zur Geschichte und Kultur der Wiener Moderne sowie zur Frauen-Geschichte der (österreichischen) Moderne insofern, als das literarische Werk Anna Freuds Teil eines Prozesses ist, der durch das Bemühen von Frauen um Zutritt zur Kultur, zu Bildung und Wissen, zu individueller und beruflicher Entfaltungsmöglichkeit gekennzeichnet ist. Des weiteren erhellt der Band an einem ganz konkreten und dadurch einmaligen Beispiel, dass es hier um die leibliche Tochter Sigmund Freuds geht, Verbindungslinien, Beziehungen und wechselseitige Beeinflussungen von Psychoanalyse, Konstruktionen von Weiblichkeit und individuellem Frauenleben in statu nascendi. Schließlich: dass Anna Freud auf dem Weg von der Adoleszenz über das Feld des Literarischen und Pädagogischen bis zur Etablierung als Psychoanalytikerin auch eine psychoanalytische Theorie der Kunst mitbegründet, wurde bislang noch wenig gesehen: Ihr Vortrag "Schlagephantasie und Tagtraum" fokussiert die eigenen literarischen Versuche als Objekt psychoanalytischer Betrachtung und theoretisiert den Übergang von der imaginativen zur künstlerischen Aktivität als Sublimierungsleistung im Sinne psychoanalytisch fundierter Kulturtheorien. Anna Freud bewahrte die literarischen Texte, die sie in ihren jungen Jahren geschrieben hatte, sorgfältig in einer Mappe abgeheftet, bis zu ihrem Tod auf. Sie müssen ihr viel bedeutet haben. Sie durch eine wissenschaftliche Edition auch in Zukunft zu bewahren könnte daher als historische Verpflichtung begriffen werden.
- Universität Graz - 100%