Kreuzenstein. Die mittelalterliche Burg als Konstruktion
Kreuzenstein. the medieval castle as a construct of modernity
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (15%); Geschichte, Archäologie (5%); Kunstwissenschaften (80%)
Keywords
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Art History,
Modernity,
Architctural History,
History of Reconstruction,
Historicism,
History of Collecting
Gegenstand der Studie ist Burg Kreuzenstein bei Korneuburg in Niederösterreich. Die monumentale Anlage wurde zwischen 1874 und 1906 im Auftrag von Johann Nepomuk Graf Wilczek (1837-1922) nach eigenen Entwürfen sowie jenen der Architekten Carl Gangolf Kayser (1837-1895) und Humbert Walcher von Molthein (1865-1926) auf den Resten eines im Dreißigjährigen Krieg zerstörten Baus errichtet. Kreuzenstein, das als Familienmausoleum ebenso wie als Aufbewahrungs- und Präsentationsort der reichen Sammlungen des Bauherrn zur Kunst und Kulturgeschichte des Mittelalters konzipiert wurde, kann als "Idealbild" einer mittelalterlichen Burg aus der Sicht des 19. Jahrhunderts interpretiert werden. Im Unterschied zu anderen zeitgenössischen Burgenbauten handelt es sich bei Kreuzenstein um einen weitgehenden Neubau. Ein weiteres Charakteristikum ist der überaus reiche Einsatz von mittelalterlichen Bauteilen (Spolien) aus mehreren europäischen Ländern, die dem Bau "Authentizität" im Sinne historisch verbürgter materieller Echtheit verleihen sollten. Das Verfahren, durch die Zusammenstellung von Fragmenten und Einzelstücken heterogener Provenienz ein neues Ganzes zu schaffen, setzt sich in den Innenräumen fort, die mit Sammlungsobjekten ausgestattet und so als vollständig eingerichtete mittelalterliche Wohnräume inszeniert wurden. In der vorliegenden Studie wird der Bau, seine Geschichte, Architektur und Ausstattung erstmals ausführlich untersucht und in einen größeren kulturgeschichtlichen Kontext gestellt. Die schriftlichen und bildlichen Quellen werden geordnet erschlossen, auch um eine Basis für die notwendige weitere wissenschaftliche Bearbeitung vor allem in Hinblick auf die Sammlungen und ihre Geschichte zu legen. Das erste Kapitel skizziert den kulturgeschichtlichen Rahmen der Mittelalterrezeption im 19. und frühen 20. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum, im zweiten Kapitel wird der Bau mit seiner Ausstattung vorgestellt und analysiert. Kapitel drei untersucht Formen der Präsenz und Funktionen der Spolien. Im letzten Kapitel wird Kreuzenstein durch den Vergleich mit anderen Medien in der visuellen Kultur seiner Zeit verankert. Der Blick auf die bemerkenswerte Karriere der Burg im internationalen Film führt am Ende bis in die Gegenwart. Die Studie stellt die mittelalterliche Burg als Konstruktion der Moderne vor, ist doch Kreuzenstein, das implizit den Anspruch erhebt "Die mittelalterliche Burg" schlechthin zu sein, eine so nur in der Moderne mögliche geistige und bauliche "Konstruktion"; doch auch der Großteil jener Burgen, die heute als "authentisch" und "typisch" mittelalterlich gelten, ist von Restaurierungen und Rekonstruktionen bestimmt und damit von den jeweils vorherrschenden Mittelalterbilder geprägt. Dieses moderne Mittelalter wurde und wird immer wieder politisch und gesellschaftlich instrumentalisiert; es setzt sich aus vielen heterogenen Elementen zusammen, Resten früherer Zuschreibungen und Interpretationen. Die Studie macht damit deutlich, in welchem Ausmaß die Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen Burg auch durch die Verwerfungen, Brüche und Konstruktionen der Moderne bestimmt ist.
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