Slavische Übersetzungen der Dioptra des Philippos Monotropos
Slavonic translation of Dioptra of Philippos Monotropos
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (30%); Sprach- und Literaturwissenschaften (70%)
Keywords
-
Dioptra,
Manuscript-Tradition,
Philippos Monotropos,
Textology,
Church Slavonic,
Critical Edition
Die Dioptra ist ein umfangreiches Lehrgedicht, das 1095 von einem byzantinischen Mönch namens Philippos (später unter dem Beinamen Monotropos bekannt) geschrieben wurde. Sie besteht aus fünf Büchern, die zum Großteil in Fünfzehnsilbler gefasst sind (insgesamt enthält sie über 7000 Verse); hinzu kommen noch umfangreiche Prosaeinschübe. Das Klauthmoi (sl. Placeve) genannte Buch ist im Urtext (Version "Y" nach E. AUVRAY) und in der slavischen Übersetzung den anderen vier Büchern vorangestellt; in der frühen Redaktion des griechischen Textes (Version "X") folgt es hingegen auf jene. Bei diesem vergleichsweise kurzen und eigenständigen Buch handelt es sich um ein Klagegedicht, in dem sich ein reumütiger Mönch an seine Seele wendet und eindringlich zu Buße auffordert, indem er Tod, Jenseits, das Jüngste Gericht sowie die folgenden Qualen der Sünder und die Freuden der Rechtschaffenen ausmalt. Die vier übrigen Bücher der Dioptra haben die Form eines Dialoges zwischen Fleisch (sarx) and Seele (psyche), wobei wider Erwarten die Seele die Fragen stellt und das Fleisch antwortet. Die Fragen, von denen sich viele wiederum auf das Leben nach dem Tod beziehen und mit wiederholten Forderungen nach Buße verbunden sind, kreisen um religiöse Themen wie etwa das Kommen des Antichristen und die Auferstehung der Toten. In seinen Erörterungen zitiert das Fleisch ausführlich aus der Heiligen Schrift und aus den Werken zahlreicher Kirchenväter. Überdies werden auch Elemente aus dem Bereich der traditionellen Naturphilosophie und Psychologie einbezogen. So wird vor allem die Vier- Säfte-Lehre (gemeint sind die Körperflüssigkeiten Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle, die den vier Elementen entsprechen und den menschlichen Charakter bestimmen sollen) ausgiebig behandelt. Somit stellt die Dioptra, und insbesondere ihre dialogischen Teile, ein wahres Kompendium des theologischen und philosophischen Wissens ihrer Zeit dar. Vermutlich ist die Einbindung umfangreicher (pseudo-)säkulärer Vorstellungen in ein religiöses Gedankengebäude zusammen mit der ansprechenden Darstellung als versifiziertes Gespräch der Grund für die weite Verbreitung der griechischen Dioptra, die in ca. 80 Handschriften überliefert ist. Die slavische Übersetzung, die wohl in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in einem der Zentren des mittelbulgarischen Schrifttums geschaffen wurde, erfreute sich offensichtlich noch größerer Beliebtheit als das Original, wovon etwa 200 Handschriften, die den gesamten Text oder Ausschnitte daraus enthalten, zeugen. Der Großteil dieses Bandes ist der Überlieferungsgeschichte der slavischen Dioptra gewidmet. Zunächst wird das Verhältnis des slavischen Textes zum griechischen Original bestimmt. Aufgrund einer großen Anzahl gemeinsamer Merkmale kann die Übersetzung zweifelsfrei einem bestimmten Zweig in der Überlieferung des griechischen Textes, nämlich Y3, zugeordnet werden. Im Laufe der Zeit wurde die slavische Dioptra mehrmals in unterschiedlichem Umfang überarbeitet bzw. ergänzt. Daraus entstanden in zwei Fällen eigenständige Rezensionen, die im folgenden Kapitel behandelt werden. Bereits sehr früh wurde die ursprüngliche Übersetzung (Rezension I) mit einer griechischen Handschrift der Version X redigiert, was die Rezension II ergab. Die dritte Rezension sie wird als Ib bezeichnet beruht auf einer Handschrift der Rezension I, in der von ostslavischen Schreibern am Anfang und am Ende gewisse Texteinheiten hinzugefügt wurden (in der Tat handelt es sich wohl um eine Schreibereintragung und um ein Begleitschreiben). Die handschriftliche Überlieferung der slavischen Dioptra wurde detailliert aufgearbeitet, wozu zunächst alle verfügbaren Handschriften genau beschrieben wurden. Dabei wurde nicht nur kodikologische und paläographische, sondern auch textologisch relevante Aspekte sowie das literarische Umfeld des Textes berücksichtigt. Personen- und Ortsnamen, die in den Eintragungen zu den Handschriften auftreten, werden in auf den Beschreibungsteil folgenden Indizes aufgelistet. Die Verwandtschaftsbeziehungen der für die Edition relevanten Zeugen wurden festgestellt, wobei hauptsächlich mit Bindefehlern, die entsprechend ihrer Beweiskraft gewichtet wurden, argumentiert wurde. So wurde ein Stemma codicum erstellt, das alle unabhängigen und einige abhängige Handschriften enthält. Die Untersuchung der Überlieferungsgeschichte der slavischen Dioptra wird abgeschlossen durch eine Analyse der Ausbreitung des Werks über die Slavia orthodoxa. Darüber hinaus bietet dieser Band die kritische Edition eines ersten Teils des Werks, und zwar der Vorworte, des ersten Buches (d.h. der Klauthmoi/Placeve) und der Erweiterungen der Rezension Ib. Der Text beruht auf dem Codex Leopolitanus (L`viv NB NANU im. Stefanyka MV-418), dem einzigen vollständig erhaltenen Zeugen in der mittelbulgarischen Redaktion der ursprünglichen Übersetzung. Der kritische Apparat enthält die Lesarten aller unabhängigen Zeugen sowie der wichtigsten codices descripti (bis zu 40 Handschriften). Aufgrund ihres streng imitativen Charakters wird der slavischen Übersetzung ein griechischer Vergleichstext beigegeben, der auf der mit der verlorenen Vorlage am nächsten verwandten Handschrift beruht (Vaticanus gr. 1893). Diesem ist seinerseits ein kritischer Apparat beigefügt, der die Varianten der anderen fünf Handschriften des Zweiges, zu dem die Vorlage gehörte, enthält. Die Sonderfehler der beiden Textzeugen Leopolitanus und Vaticanus, d.h. deren Abweichungen vom rekonstruierbaren Text des slavischen Archetypen einerseits und von der griechischen Vorlage der Übersetzung andererseits, werden durch Kursivdruck und Klammern bezeichnet; die entsprechenden korrekten Lesarten in den Apparaten werden ebenfalls kursiv gesetzt. In den zweiten Apparat zum slavischen Text wurden die Korrekturen der Rezension II aufgenommen, in den entsprechenden Apparat auf der griechischen Seite die Lesarten einer Handschrift, die der unmittelbaren Vorlage der Überarbeitung nahe steht. Der Editionsteil enthält weiters eine deutsche Übersetzung sowie gegebenenfalls kurze Kommentare, in denen insbesondere Differenzen zwischen Original und Übersetzung erläutert werden.
- Universität Wien - 100%