WeXel oder Die Musik einer Landschaft. COMPA Band 22, Teil 1
WeXel. the music of a landscape, COMPA Vol. 22, Part 1
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (20%); Kunstwissenschaften (70%); Sprach- und Literaturwissenschaften (10%)
Keywords
-
Sociology of relegion,
Dialectology,
European ethnology,
Folk music studies,
Source studies/edition,
Church music
Im Jahre 1904 führte das wachsende Bewusstsein für das Volkslied im Habsburgerreich zur Gründung der Kommission" Österreichisches Volksliedunternehmen", unter der Patronanz des Ministeriums für Kultus und Unterricht, mit Volksmusikspezialisten deutscher, slawischer und romanischer Zunge. Die Herausgabe "Das Volkslied in Österreich" sollte aus 30 Bänden in deutscher Sprache, 20 in slawischer Sprache und 10 in romanischer Sprache, insgesamt 30 Bänden, bestehen. Die Drucklegung des ersten Bandes war unmittelbar nach Beendigung des Ersten Weltkriegs projektiert, jährlich sollten zwei bis drei weitere Bände zu einem Preis von max. 30 Kronen folgen. Ein ähnliches unabhängiges Projekt wurde im Königreich Ungarn initiiert. Im Jahre 1918 erfolgte in Wien die Vorstellung des Prototyps "Das Volkslied in Österreich". Doch der Lauf der Geschichte änderte alle Pläne. Im Jahre 1951 begannen Béla Bartk und Zoltn Kodly "Eine kritische Ausgabe der ungarischen Volksmusik A magyar népzene tra" mit dem Titel CMPH (= Corpus Musicae Popularis Hungaricae). Im Jahre 1993 initiierten Gerlinde Haid (1943 2012) und Walter Deutsch (*1923) mit Band 1 "St. Pölten und Umgebung. Niederösterreich" die Reihe COMPA (= Corpus Musicae Popularis Austriacae), "eine Enzyklopädie der Volksmusik in Österreich mit ausgewählten Beispielen." Im Jahre 2013 nur zwanzig Jahre später geben 21 beeindruckende COMPA-Bände eine historische wie aktuelle Sicht auf die Volksmusik in Österreich, geordnet nach Gattungen, Sammlungen oder Landschaften. Der vorliegende COMPA-Band 22 "WeXel Die Musik einer Landschaft" dokumentiert die Volksmusik des Wechsels, der Grenzlandschaft NiederösterreichSteiermark. Teilband 1 "Das Geistliche Lied" legt sein Hauptaugenmerk auf die "Leichhüat- / Leichwåchtlieder", welche zwei Nächte lang im Hause eines Verstorbenen vor dem aufgebahrten Toten gesungen wurden. Dieses Abschiednehmen mit Gebeten und vielstrophigen Liedern galt der Seele des Verstorbenen, seiner Familie, seinen Freunden und all jenen, die als nächste folgen würden. Zunächst gibt der Band eine kurze historische und geographische Beschreibung des Wechsels, Grenzgebiet zwischen dem "Herzogthum Steyermark" und "Österreich". Im Gegensatz zum Semmering, dem Balkon der Wiener, und Reichenau, dem Aufenthaltsort von Hof und Adel, war der Wechsel die Drehscheibe der Kronländer. Nach Anmerkungen zum Totenbrauchtum folgt die Sammlung der "Leichhüat- / Leichwåchtlieder". Die Verurteilung der Totenwache durch Burchard von Worms ( 1025) als "heidnischen Brauch" und Flugblattlieder aus der Mitte des 17. Jahrhunderts sind die ältesten Belege. Gattungszuordnungen und Quellennachweise halfen bei der Suche nach der Herkunft des jeweiligen Liedes. Funktion und geographische Verbreitung der handgeschriebenen und gedruckten Texte sowie Melodieaufzeichnungen sind jedem Lied beigefügt. Es ist ein Fundus kaum bekannter Varianten zu einem jeweils wohl vertrauten melodischen Typus. Besondere Aufmerksamkeit gilt den Melodien, da diese eine beeindruckende Musikalität der Sänger meist Domäne der Frauen im Wechselgebiet belegen. Der Ursprung der Texte und Melodien liegt in geistlichen wie weltlichen Traditionen. Nach Verlust ihrer religiösen Bindungen blieben viele dieser Lieder im "Leichhüaten Leichwåchten" erhalten. Mit der verpflichtenden Nutzung der ab 1965 errichteten Aufbahrungshallen und dem Verbot des "Leichhüatens" im eigenen Haus verstummten sie. Doch ihr Echo erklingt durch die Stimmen älterer und jüngerer Sängerinnen auch noch im Jahre 2013. 192 "Leichhüat- / Leichwåchtlieder" unterschiedlicher Kategorien (Andachtslied, Ballade, Bittlied, Bittlied zu Maria, Jesus oder lokalen Heiligen, Morgen- und Abendlied, Totentanzlied, Wallfahrtslied, etc.) sind mit allen lokalen Varianten dokumentiert. Drei CDs (Phonogrammarchiv, Österreichische Akademie der Wissenschaften) vervollständigen mit 166 Tonbeispielen zu 155 Liedern (1951 bis 2013) die schriftlichen Aufzeichnungen, wovon jedoch nicht alle die authentische Atmosphäre des "Leichhüatens" wiedergeben. Johannes Leopold Mayers Beitrag "Irdische Lieder für `s ewige Leben gesungen sub pietatis austriacae`" und Sabine Scheybals Melodienregister samt Incipits beschließen die Dokumentation. Das von Isolde Hausner (Institut für Dialekt- und Namenlexika, I DINAMLEX, Österreichische Akademie der Wissenschaften) redigierte Wörterbuch des lokalen Dialekts, das alphabetische Gesamtverzeichnis der Liedtitel und ein umfangreiches Stichwortverzeichnis eröffnen den Zugang zu den Traditionen im niederösterreichisch-steirischen Wechselgebiet.
- Österreichisches Volksliedwerk - 100%