Akademische Burschenschaften und Politik in Österreich
German National Student Fraternities and Politics in Austria
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (50%); Philosophie, Ethik, Religion (40%); Soziologie (10%)
Keywords
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Austrian Politics,
Nationalism,
Pan-Germanism,
Student Fraternities,
Masculinities,
Right-Wing Extremism
Das Publikationsprojekt widmet sich dem politischen Handeln von akademischen Burschenschafte(r)n im Österreich der Zweiten Republik. Basierend v. a. auf der Analyse burschenschaftlicher Quellen und entlang des Forschungsprogramms der Grounded Theory nach Juliet Corbin und Anselm Strauss ergründet es Strukturmerkmale dieses Handelns und der damit in Wechselwirkung stehenden Ideologie im Lichte der maßgeblichen zeithistorischen Kontextbedingungen. Zunächst wird die Wiedererrichtung der völkischen Studentenverbindungen in Österreich um 1950 nachgezeichnet. Die Entscheidung, auf eine eingehende Reflexion der Gründe für die burschenschaftliche Involvierung in den Nationalsozialismus und seine Verbrechen zu verzichten, eröffnete einen Prozess weitestgehend bruchloser Restauration, der Organisationsform und Brauchtum der Burschenschaften ebenso umfasste wie deren Politikverständnis und Ideologie. Mittel- und langfristig begünstigte sie politisch- ideologische Erstarrung und innere Homogenität. Als wichtige Faktoren zur dauerhaften Abwehr von Wandel und innerer Ausdifferenzierung werden die burschenschaftliche Erziehung, autoritäre Strukturen innerhalb der Bünde und das burschenschaftliche Streben nach `Geschlossenheit identifiziert. Konservierend wirkten auch das von einem Ideal der `Standhaftigkeit geprägte Männlichkeitsbild der Burschenschaften und ihre fundamental-oppositionelle Haltung gegenüber den Großparteien und dem von diesen repräsentierten, staatstragenden Austro-Nationalismus. Als Kern burschenschaftlicher Weltanschauung wird der (deutsch-)völkische Nationalismus bestimmt und in seiner spezifisch österreichischen Ausprägung dargestellt. Die Selbstwahrnehmung als `Grenzlanddeutsche, die deutsches Volkstum unter widrigen Bedingungen zu verteidigen hätten, war demnach für die besonders harte Ausformung des deutschen Nationalismus unter den Burschenschaftern Österreichs hauptverantwortlich. Burschenschaftliche politische Praxis wird auf zwei Ebenen thematisiert: jener der eigenständigen politischen Betätigung burschenschaftlicher Akteure und jener der Betätigung in bzw. im Vorfeld von politischen Parteien. In erstgenannter Hinsicht wird dem burschenschaftlichen Engagement geringe Breitenwirksamkeit attestiert, aber auch auf Ausnahmefälle (Hochschulpolitik, `Südtirol-Aktivismus) hingewiesen. Auf der Ebene der Parteipolitik wird ein nahezu vollständiges Monopol der Freiheitlichen Partei Österreichs auf burschenschaftliche Unterstützung festgestellt und anhand einer statistischen Erhebung zum Aufkommen völkischer Korporierter in gehobenen Parteipositionen untermauert. Diese Erhebung erbrachte einen über die Funktionsebenen hinweg relativ gleichmäßigen Anteil von rund einem Drittel Korporierter. Für den österreichischen Nationalrat wird gezeigt, dass starkes Wachstum der Partei historisch die Verbindungsstudentenquote im freiheitlichen Klub tendenziell sinken ließ, da die Orientierung auf Stimmenmaximierung in diesen Phasen mit personeller Verbreiterung und einem höheren Maß an inhaltlicher Beliebigkeit einherging. Der konkrete Einfluss des völkischen Korporationswesens und seiner Angehörigen auf die bzw. innerhalb der FPÖ wird anhand von Flügelkämpfen und Personaldebatten sowie anhand der freiheitlichen Programmentwicklung und Politikfeld-Bewirtschaftung analysiert mit dem Ergebnis, dass Korporierte FPÖ-intern in unterschiedliche Richtungen wirkten, insgesamt jedoch einer Liberalisierung der Partei stärker entgegen- als zuarbeiteten. Unter den Funktionen, welche Korporationen und Partei im Untersuchungszeitraum füreinander erfüllten, erfahren die Kaderschmiede-Rolle der ersteren und die Multiplikatoreigenschaft letzterer Betonung. Hingewiesen wird aber auch auf für die FPÖ schädliche Effekte ihrer Verquickung mit dem völkischen Korporationswesen, die aus masseninkompatiblen Positionierungen und dem parteiinternen Störpotenzial der Korporierten resultieren. Abschließend wird unterstrichen, dass die politische Bedeutung der Burschenschaften in Österreich nach 1945 nahezu exklusiv an ihre Stellung im Ring Freiheitlicher Studenten (auf Hochschulebene, bis in die 1970er Jahre) und in der FPÖ (bis heute) gebunden war bzw. ist. Die Vereinbarkeit von burschenschaftlicher Ideologie und ihr entsprechendem Politikverständnis mit den Imperativen liberaler Demokratie wird als prekär eingestuft. Argumentiert wird dies unter Verweis auf Merkmale, die gerade in der österreichischen Auslegung der burschenschaftlichen Idee in besonderer Deutlichkeit zutage treten: völkischer Nationalismus, Anti-Individualismus, politisch-ideologischer Rigorismus, Elitarismus und der Männerbund als Organisationsform und Ideologie.