Ungleiche Entwicklung in Zentraleuropa
Uneven Development in Central Europe
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (30%); Soziologie (10%); Wirtschaftswissenschaften (60%)
Keywords
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Economic Development,
Galicia,
Division Of Labour,
Habsburg Monarchy,
Economic Policy,
Trade
Die Arbeit untersucht den Einfluss der überregionalen Austausch- und Verflechtungsprozesse auf die wirtschaftliche Entwicklung des habsburgischen Galizien zwischen der Eroberung der Provinz durch den Wiener Hof in der Ersten Teilung Polen- Litauens (1772) und dem Ausbruch der Ersten Weltkriegs. Dabei liegt das Hauptaugenmerk einerseits auf einer kritischen Überprüfung des für Galizien reklamierten Befunds persistenter Armut und ausbleibender Aufholprozesse im Vergleich mit anderen Räumen des habsburgischn regierten Zentraleuropas. Andererseits werden die Ursachen für dieses prekäre Entwicklungsmuster herausgearbeitet und in einer verflechtungsgeschichtlichen Perspektive auf Grundlage des Zentrum-Peripherie-Modells und der postcolonial studies betrachtet, die politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte verschränkt berücksichtigt. Der erste stärker quantitativ ausgerichtete Teil der Arbeit analysiert anhand struktureller Charakteristika und Indikatoren einerseits Galiziens vergleichsweise niedriges Wohlstands- und Produktivitätsniveau, andererseits die wachsenden Integrationsprozesse im Bereich von Handel, Kapitalinvestitionen und Migration in der longue durée, die eine zunehmende Peripherisierung der galizischen Ökonomie zur Folge hatten: Zunehmende Fertigwarenimporte und Rohstoffexporte beruhten auf dem sukzessiven downgrading in den Produktionssphären, was sich in der Verdrängung von Gewerbe- und Industriebetrieben um die Jahrhundertwende äußerte. Die in diesem diachronen Vergleich auszumachenden Wende- und Bruchpunkte dienen als periodisierende Grundlage für den zweiten stärker narrativ und diskursanalytisch orientierten Teil, der die Akteure dieser Interaktionen sichtbar macht und den Einfluss der Regulierung überregionaler Konkurrenzprozesse durch die staatlichen Institutionen analysiert. Besondere Aufmerksamkeit kommt in diesem Zusammenhang Diskursen zu, die drei verschiedenen Raumordnungen und Entwicklungsparadigmen folgten und wirtschaftliche Entwicklung und Interaktion wesentlich prägten: Während die kameralistische Raumökonomie (1772-1830) die Einbindung der in der ersten Teilung Polen-Litauens eroberten Provinz in die habsburgische Arbeitsteilung auf Kosten der Desintegration aus Handelsbeziehungen jenseits der Staatsgrenzen forcierte, öffnete der der liberale, deterritorialisierte Wirtschaftsraum (1830-1873) die Kontakte Galiziens zum Ausland erneut und intensivierte die Verflechtungsdichte durch den Eisenbahnbau. Der organisierte Kapitalismus (1873-1914) wiederum akzentuierte durch die Rückkehr zum Protektionismus und die Verdichtung des Eisenbahnnetzes erneut die Integration am Binnenmarkt. Die einzelnen Entwicklungsparadigmen schrieben trotz ihrer Unterschiede hinsichtlich der Impulse für die überregionale Interaktionsdichte und der staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft Galizien jeweils einen subalternen Status in der überregionalen Arbeitsteilung zu und rechtfertigten die bestehende Raumordnung durch orientalisierende Diskursformationen. Dies fand seine Entsprechung in der fehlenden Innovations- und Reformbereitschaft der galizischen Agrarelite, die an dem extensiven Produktionsmodell ebenso festhielt wie an ihren sozioökonomischen Privilegien. Diese Konstellation wurde zu einem Motor der peripheren Integration in überregionale Austauschprozesse, deren Widersprüche vor Ort in ethnisierende Lösungsstrategien mündeten.
- Universität Wien - 100%