Kulturen der Gattung. Poetik im Kontext, 1750-1950
Cultures of Genre. Poetics in Context, 1750-1950
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (15%); Sprach- und Literaturwissenschaften (85%)
Keywords
-
Theoriy And History Of Literary Genres,
German literature,
18th-20th century,
Theory And History Of Classification,
Cultural History,
Sociology Of Literature
Die vorliegende Arbeit Kulturen der Gattung versucht zum einen eine umfassende Neubestimmung der Kategorie der literarischen Gattung; zum anderen eine vorläufige Geschichte des Verhältnisses von Wissensordnung, literarischer Gattungsordnung und Sozialordnung. Literarische Gattung wird nach einer umfangreichen Übersicht über moderne Theorien der Gattung als performativer Klassifikationsakt verstanden, der in Wechselwirkung mit anderen Klassifikationsakten moderner Gesellschaften steht: den Klassifikationen im Sozialen und in der Ordnung des Lebendigen, als Gruppierung, nicht als Gruppe von Texten. Die theoretische Basis dieser Sichtweise wird aus einer kulturwissenschaftlichen Revision der Kultursoziologie Pierre Bourdieus bezogen. Die Herausarbeitung der Wechselbeziehungen der am generischen Prozess beteiligten Instanzen Biologie, Poetik, Gesellschaft im Einzelnen ist die Aufgabe der historischen Kapitel der Arbeit. Zunächst wird in einer dichten Beschreibung der Weg von der normativen zur philosophischen Poetik des 18. Jahrhunderts nachgezeichnet: Biologie bzw. Naturgeschichte wird dabei ebenso berücksichtigt wie die Protosoziologie der Epoche. Neben einer Gattungsbiologie steht eine populistische Variante desselben Komplexes, der sich von Justus Möser bis zu den Brüdern Grimm verfolgen lässt. In einem weiteren Schritt wird Johann Gottfried Herders Kulturwissenschaft auf ihre Quellen hin befragt; Bibelphilologie und Lebenswissenschaft des 18. Jahrhunderts stehen dabei in engster Wechselwirkung mit den literarischen Diskursen zur Gattung. In den folgenden Kapiteln steht Goethe im Mittelpunkt. Die Goethezeit ist gekennzeichnet durch sehr spezifische Zuspitzungen der genannten Elemente. Goethe ist nicht nur einer der Autoren, auf die zentrale gattungstheoretische Formulierungen zurückgehen, an seiner intellektuellen Biographie lassen sich exemplarisch die Einsätze rekonstruieren, die sich mit Gattungstheorie verbunden haben. Goethes Biographie ist dabei als Habitusbiographie von Interesse; die leibhafte Verkörperung spezifischer Fügungen von Kunst-Wissen-Gesellschaft synkopiert den Lebenslauf dieses so auch in dieser Hinsicht paradigmatischen Autors. Drei Kapitel widmen sich dem Epos (Die Geheimnisse), der Oper (Goethes Auseinandersetzung mit der Zauberflöte von Mozart/Schikaneder) und der Novelle (Novelle), jeweils im literatur- und zeitgeschichtlichen Kontext. Ein Zwischenkapitel zum 19. Jahrhundert fokussiert Gender-Aspekte (an Karoline v. Günderrode) und Fragen der Poetik der Jahrhundertmitte (1848) an Adalbert Stifter und seinen Antworten auf das Zeitalter der Revolutionen. Kap. 8 untersucht die Gattungstheorie der klassischen Moderne im Rahmen der Geschichte der Intellektuellen, zwischen Wilhelm Scherer und Dilthey einerseits, Walter Benjamin und Georg Lukcs andererseits. Die Fragen, die die Goethezeit gestellt hatte nach Biologie und Soziologie der Gattungen werden hier wieder aufgenommen. Die Schlusskapitel widmen sich der spezifischen Gattungsarbeit bei Bertolt Brecht und Hugo v. Hofmannsthal und den spezifischen Vermittlungsformen zwischen literarischer Kreativität, sozialen Ordnungsstiftungen und sich verändernden historischen Kontexten
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