Performanz und Imagination in der Oralkultur Südosteuropas
Performanz und Imagination in der Oralkultur Südosteuropas
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (30%); Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (25%); Kunstwissenschaften (35%); Sprach- und Literaturwissenschaften (10%)
Keywords
-
Ethnography,
Folk Culture,
Southeast Europe,
Performative Culture,
Oraltiy
Vorliegende Monographie bildet den dritten Teil einer Trilogie, die einer vergleichenden, sprachübergreifenden und transnationalen Übersicht der traditionellen schriftlichen und mündlichen Kultur Südosteuropas gewidmet ist. Der erste Teil beschäftigte sich mit der Belletristik bis ins frühe 20. Jahrhundert, der zweite Band behandelte die sprachlichen Manifestationen der traditionellen Oralkultur, das dritte Buch ist nun den performativen und imaginären Aspekten der Volkskultur des Balkanraums gewidmet. Derart wird die Eigenständigkeit dieses historischen Kommunikationsraums, wie dies schon von Historikern und Sprachwissenschaftlern hervorgehoben werden konnte, auf einer breiten Materialbasis noch weiter untermauert. Die Kohärenz dieses Kulturraums ist auf dem Sektor des darstellenden Brauchtums und Maskenwesens bzw. der imaginativen Glaubensvorstellungen der Dämonologie und empirischen Therapie durchaus signifikant, konnte bislang jedoch von den vorwiegend nationalen Forschungstraditionen in Südosteuropa nur ungenügend im weiteren Raumvergleich dokumentiert werden. Wie schon in den beiden vorhergegangenen Bänden umfaßt das umfangreiche Vergleichsmaterial die heutigen Staatsgebiete von Ungarn, Rumänien, der Türkei, der ex-jugoslavischen Länder, Bulgarien, Albanien, Griechenland und Zypern. Die komparative Untersuchung ist im Ersten Teil auf non-verbale Kommunikationsformenbzw. Gebärdensprache fokussiert, auf performative Symbolhandlungen mit oder ohne Glaubenshintergrund an ihre magische Effektivität bzw. mit bloßer Unterhaltungsfunktion, mit oder ohne Maskenverwendung und Verkleidung, unter eventueller Ausformung von Rollenspiel und Dialog, bis hin zum popularen Amateurtheater und zur professionellen Schaustellerei (Fahrende Komödianten, Panoramen, Puppentheater, Schattentheater); desgleichen werden performative Aspekte bei Zeremonien und Festivitäten berücksichtigt. In Bezug auf die Imagination werden im Zweiten Teil Zwischenbereiche zwischen Sakralität und Profanisierung vergleichend analysiert, wie Glaubensvorstellungen, magische Praktiken, Mantik und Orakel, astrologische Anleitungen und Prophezeiungen, aber auch populare Devotionsformen (Bilderverehrung, Wallfahrten, Heiligenfeste und Handelsmärkte, Votivgaben und Tieropfer), Sonderformen der Pastoralpraxis (Wahlbruderschaften, Bittprozessionen), aber auch Dämonologie und die die praktisch universelle Vorstellung vom Bösen Blick. Diese Komparation ist religions- und sprachübergreifend durchgeführt und umfaßt sowohl die Orthodoxie wie den Islam mit seine südosteuropäischen Sonderformen als auch Katholiken und die konfessionellen Spielarten des Protestantismus. Besondere Sorgfalt wurde auf die schwierig und zeitraubend zu erfassende Bibliographie gelegt; ein eigener Abschnitt am Bandende bringt eine ausführlich kommentierte kritische Bibliographie, nach Ländern und Themengruppen geordnet, die weiterführende spezifischere Forschungsvorhaben erleichtern soll. Mit dieser Monographie wird erstmals eine vergleichende Gesamtübersicht über die nonverbalen und verbalen Performativhandlungen und die dahinterstehenden Imaginationen in der südosteuropäische Oralkultur geboten, die sich einerseits auf erste Grundformen des Volkstheaters zubewegen, andererseits Glaubensvorstellungen und Glaubenspraktiken zwischen Hochreligion und Aberglauben im Zwischenreich von Magie und Superstitionen bilden, die im Balkanraum z. T. religionsübergreifend bis in die Gegenwart nachgewiesen werden können und einen wesentlichen Bestandteil seiner Kulturhomogenität ausmachen.