Berthold Viertel - Eine Biografie der Wiener Moderne
Berthold Viertel - A Biography of Viennese Modernism
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Geschichte, Archäologie (80%)
Keywords
-
Auto/Biographie,
Memory Studies,
Vienna 1900,
Exile Studies,
Modernism in Austria,
Remigration
Der 1885 in Wien geborene Schriftsteller und Regisseur Berthold Viertel begann mit etwa 21 Jahren an einer Autobiografie zu schreiben, die er nie abschloss. Als er 1953 ebenfalls in Wien starb hinterließ er ein umfangreiches, fragmentarisches autobiografisches Projekt, das sich durch sein Exil wie auch durch seine Remigration 1948 vielfach verändert hatte. In den 1990er Jahren wurde der heute noch weitgehend vergessene Viertel im Kontext der österreichischen Exilforschung als bedeutender Schriftsteller und Netzwerker kurzfristig wiederentdeckt, doch sein kritischer Blick zurück auf ein anderes Wien 1900 wurde in diesem Zusammenhang nicht ausführlich untersucht. In Forschung zur Wiener Moderne fehlt Viertels Name fast völlig, obwohl seine Texte ein spannendes Gegenbild zu den idealisierenden Darstellungen seines Freundes und Kollegen Stefan Zweig entwarfen. In der vorliegenden Studie wurde, um das komplexe autobiografische Material les- und analysierbar zu machen, eine innovative biografische Darstellungsform gewählt, die zunächst Berthold Viertel Leben und autobiografisches Schreiben zwischen 19171953 untersucht. In Folge wurde in biografischen Erinnerungsorten Viertels individuelle mit kollektiver Erinnerung verknüpft und mit aktueller Forschung in Beziehung gesetzt. Diese 15 Erinnerungsorte der Wiener Moderne, die einen Zeitraum zwischen 1860 bis 1917 thematisieren, bündeln Viertels Erinnerungen an kritische Modernität und ihre Umstände im Wien 1900 vorrangig thematisch, folgen dabei aber auch chronologisch seiner Lebenserzählung: Moderne in Wien das war für Berthold Viertel der Kampf zweier Generationen, von Vätern und Söhnen, um Erhalt und Zerstörung vor dem Hintergrund der sich modernisierenden Habsburgermonarchie, die nach wie vor starke Kräfte (monarchisches Gefühl) zusammenhielten. Seine eigene jüdisch-kleinbürgerliche Familie zog aus Galizien zu und lebte sehr unterschiedlich im Jüdischen Wien, auf das Katholische Dienstmädchen und Deutsche Kultur wesentlichen Einfluss nahmen. In Luegers Wien sowie durch den Mitschüler Hitler kamen Kinder wie Viertel erstmals mit Antisemitismus in Berührung und reagierten mit instinktivem Zionismus, vor allem aber als Jugendliche Kulturanarchisten. Als solche stand ihnen auch die Sozialdemokratie nahe im Falle Viertels insbesondere durch seine Freundschaft mit der Familie Adler , die sie jedoch oft als zu wenig radikal verwarfen. Sein Studium erlebte Berthold Viertel als ein Zusammenspiel von reaktionärer Universität, militärischer Ausbildung und jenen Denkschulen ab, die sich außerhalb der Institutionen in Kreisen und Kaffeehäusern etablierten und ihn wesentlich prägten. Sexuelle Emancipation sollte dort erreicht werden und Karl Kraus wurde zu einer kritischen Leitfigur, mit der Viertel eine ambivalente, aber enge Freundschaft verband. Über das Theater versuchte um 1912 auch Berthold Viertel gesellschaftskritisch wirksam zu werden, doch der Erste Weltkrieg zerstörte schließlich die reformatorischen Ansätze der kritische Modernen und verstärkte ihre dunklen, problematischen Seiten. Berthold Viertel wird dabei sowohl als spannender Akteur in der Kulturszene Wiens 1900 sichtbar wie auch als typischer Repräsentant einer kritischen Avantgarde, deren Traditionslinien er durch sein Schreiben bewahren wollte.
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