Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
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Sanctuaries,
Cultural Bias,
Spatial Organisation,
Cultural Interaction,
Lucania
Die vorliegende Arbeit setzt sich mit Fragen der Gestaltung und Organisation von Heiligtümern im antiken Lukanien auseinander sowie der Rekonstruktion von Ritualabläufen in den betreffenden Heiligtümern. Dabei sind zwei Gruppen von Heiligtümern zu unterscheiden: Einerseits diejenigen der griechischen Stadtgründungen an den Küsten und andererseits jene der italischen Bewohner im bergigen Hinterland. Das antike Lukanien erstreckt sich grob von südlich des Golfes von Neapel bis etwa zum Golf von Tarent. Gerade dort ist durch zahlreiche archäologische Grabungen der Bestand an Heiligtümern gut bekannt und untersucht, doch gerade die Menge an bekannten Befunden drängt den Vergleich zwischen der griechisch geprägten Welt der Kolonisten und der dort traditionell beheimateten Italikern auf. Für eine solche Untersuchung ist die Welt des Glaubens prädestiniert, denn wo sonst, wenn nicht im Glauben zeigen sich die individuellen Vorstellungen einer Gemeinschaft? Als Untersuchungszeitraum liegt das 4. und 3. Jh. v. Chr. nahe, da die Region in dieser Epoche eine Phase der Konsolidierung und Stabilität durchläuft, bevor die römische Machtsphäre das antike Lukanien vereinnahmt und die Unterschiede zwischen Griechen und Indigenen nach und nach zu Gunsten gemeinschaftlich italisch-römischer Vorstellungen verschwinden. War die Wissenschaft lange der Ansicht, dass die indigene Welt in allen Lebensbereichen innerhalb kurzer Zeit griechische Vorstellungen, Technologien und Lebensart übernahm, zeigt sich inzwischen, dass dieser Prozess viel differenzierter zu betrachten ist und kein einfaches Erklärungsmodell von überlegenen Griechen und primitiven Indigenen funktioniert. Nichtsdestotrotz werden die Heiligtümer im bergigen Hinterland Lukaniens noch immer mit Erklärungsmodellen gewonnen aus den Befunden griechischer Heiligtümer analysiert. So zeigt die in dieser Arbeit vorliegende detaillierte Analyse aller lukanischer Heiligtümer des 4.-3. Jh. v. Chr. ganz klar, dass die griechischen und einheimischen Heiligtümer sich massiv unterscheiden. Liegt der Fokus im griechischen Ritual auf dem Opfer am Altar und der Beobachtung ebenjenes Opfers durch die Gläubigen, sind in den Heiligtümern abseits der griechischen Welt Lukaniens weder Altäre noch Opfersteine zum Töten von Tieren feststellbar. Große Speiseräume deuten an, dass der gemeinschaftliche Verzehr von Speisen im Zentrum jedes Rituals stand. Darüber hinaus sind zwar architektonische Formen der griechischen Welt im bergigen Hinterland feststellbar und Bauformen des Hinterlandes tauchen in den griechischen Küstenstädten auf, jedoch behalten beide Gruppen ihre genuine Sakralarchitektur bei die Griechen große Säulenhallentempel auf Podesten und die Indigenen rechteckige Architekturen ohne umlaufende Säulen und Podeste. Zusammenfassend zeigt sich, dass gerade im Glauben griechische wie indigene Gemeinschaften individuelle Wege beschreiten, die zwar wenige Gemeinsamkeiten aufweisen, im Kern aber unterschiedlich sind. Deswegen fügt sich die Untersuchung in die aktuellen wissenschaftlichen Diskussionen über Kulturkontakttheorien, geographische Kontaktzonen und antike Religionswissenschaften ein.