Paratextuelle Politik und Praxis
Paratextual Politics and Practices
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (15%); Sprach- und Literaturwissenschaften (85%)
Keywords
-
Paratext,
Authorship,
Staging,
Genette,
Periodic Press,
Literary Field
Gérard Genette entwickelte das Konzept des Paratexts, in dem er all jene Texte, die einen Text zum Buch machen in Peri- und Epitexte unterteilte. Die material mit dem gedruckten Buch verbundenen Peritexte, wie etwa Klappentext, Inhaltsangabe, Titel, Autorname, Vor- und Nachwort wurden bereits Gegenstand intensiver literaturwissenschaftlicher Auseinandersetzung, während die außerhalb des Buchkorpus liegenden Epitexte seltener Beachtung fanden. In Paratextuelle Politik und Praxis soll deshalb erstmals exklusiv auf diesen Bereich des Paratexts, der etwa Textgattungen wie Interview, Rundfrage, öffentliche Reden, aber auch habituelle Eigenschaften von AutorInnen, die auf die Rezeption ihrer Werke einwirken, umfasst. Kritisch reflektiert werden sollen dabei einerseits die paratextuellen Kategorien mit den ihnen zugeschriebenen Funktionen und andererseits die Anwendbarkeit hinsichtlich spezifischer Erkenntnisinteressen. Es scheint unbestritten, dass Paratexte und insbesondere Epitexte maßgeblichen Anteil an der Konstituierung des öffentlichen Autorbildes und der Wahrnehmung der einzelnen Texte als einem Gesamtwerk zugehörig haben. Deshalb ist das Paratextkonzept nicht nur für die Beschreibung von Text-Text-Beziehungen instrumentalisierbar, sondern bietet, wie neueste Forschungen nahelegen, ein Werkzeug zur Beschreibung moderner Autorschaft und den mit ihr verbundenen sozio-kulturellen Mechanismen. Um dem vielseitigen Potential des Paratextkonzepts gerecht zu werden, gliedert sich der Sammelband in einen theoretisch orientierten Teil, der in fünf Beiträgen Vorüberlegungen anstellt sowie Zukunftsperspektiven eröffnet und einen praxisorientierten, der im Rahmen von zehn Fallstudien die historische Genese autorbasierter Inszenierungen von schriftstellerischem Werk und Schaffen untersucht. Zugrundegelegt wird dabei die Annahme, dass es ohne Paratexte so kann man zugespitzt formulieren keine Texte gibt oder anders gewendet, es gibt keinen Text ohne Paratext. Das heißt: Texte werden erst als Texteinheit wahrgenommen, wenn sie vor der Öffentlichkeit als solche kommuniziert werden. Die Präsentation von (literarischen) Texten folgt dabei den Gesetzen des Ringens um Aufmerksamkeit in Konkurrenz und Auseinandersetzung mit und in Abgrenzung von anderen Werken/Texten anderer AutorInnen. Diese Distinktionsstrategien sollen ebenso in den Blick geraten wie die lektüresteuernde Funktion des Epitexts, der zentraler Ort für die Anschlusskommunikation von Texten ist. Der Wandel der Möglichkeiten des epitextuellen Ausdrucks wird in den Beiträgen, die Zeiträume vom Barock bis hin zur Gegenwart behandeln, anhand der periodischen Publizistik nachvollzogen, wobei aber auch neueste Formate, die etwa das Internet bietet, berücksichtigt werden. Paratexte werden dabei als gestaltbare Zone der Transaktion nicht nur funktional auf einen Text, auf den sie sich beziehen und ihn somit präsentieren, abgestimmt, sondern auch und insbesondere auf den historischen, kulturellen und gruppenspezifischen Kontext. Sie steuern also nicht nur maßgeblich die Kommunikation über Texte, sondern beeinflussen und manipulieren die Dynamiken der Genese von Werk und Autorschaft maßgeblich. Sie begründen damit letztlich Texte und die öffentliche Wahrnehmung ihrer UrheberInnen gleichermaßen.