Thunau am Kamp - Das frühmittelalterliche Gräberfeld
Thunau am Kamp - An Early Medieval Burial Site
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
-
Mortuary analysis,
Archaeology,
Early Middle Ages,
Cemetery,
Lower Austria,
Social identities
Das Gräberfeld auf der Oberen Holzwiese in Thunau am Kamp (Niederösterreich) ist mit seinen 215 Bestattungen der mit Abstand größte archäologisch untersuchte Bestattungsplatz der Karolingerzeit Österreichs nördlich der Donau. Seit seiner Aufdeckung in den Jahren 1987 bis 1993 wurden der Öffentlichkeit aufsehenerregende Funde vorgestellt. Die vorliegende Publikation enthält neben der archäologischen Auswertung auch die Untersuchungsergebnisse zu Archäobotanik, Materialanalysen, Metallographie, Textilien und Lederresten. Am Schanzberg von Thunau am Kamp bestand im Frühmittelalter ein befestigter Zentralort, ein Herrschaftszentrum. Es ist die einzige umfassend ergrabene Anlage dieser Art in Niederöstereich. Das Gräberfeld gehörte zum so genannten Herrenhof, der den Kern der Anlage ausmachte. Es ist zu den Prestigebestattungsarealen zu zählen, die einen essentiellen Bestandteil der Zentren am östlichen Rand des Karolingerreiches bildeten. Gräberfelder dienen den Archäologen als wertvolle Quelle, da sich in den Bestattungssitten soziale Zugehörigkeiten verschiedenster Art niederschlagen. Deren Präsentation bei der Bestattung beruht sowohl auf tatsächlichen Zuständen als auch auf Vorstellungen und wird durch den Bestatteten, dessen Familie und die Lokalgesellschaft beeinflusst. Besonderes Augenmerk wurde folglich auf die Untersuchung der sozialen Identitäten und Beziehungen der Bestatteten, vor allem auf Sozialstatus und altersspezifische Geschlechterrollen, gelegt. Von der Norm abweichende Bestattungen und Gräber mit mehreren Individuen boten insbesondere die Möglichkeit, sich mit den ihnen zugrundeliegenden Motivationen zu beschäftigen. Thunau lag im 9. Jahrhundert zwischen den beiden Machtsphären des erweiterten Karolingerreichs und des Großmährischen Reiches, die politische Zugehörigkeit weiter Teile des Waldviertels ist unklar. Die Analyse des Gräberfeldes scheint auf eine kulturelle und politische Orientierung der Herrschaft sowie der weiteren Bevölkerung zeitweilig mehr zur mährischen bzw. mehr zur karolingischen Seite hinzuweisen. Der Großteil der Bestattungen wurde im 9. Jahrhundert angelegt. Insgesamt hat sich bei etwas über einem Drittel der Bestatteten Ausstattung in Form von Trachtbestandteilen und Beigaben (Waffen, Geräte und Speisebeigaben) im Grab erhalten; mit fortschreitender Zeit wurde vermehrt auf Ausstattung verzichtet. Durch das Gräberfeld verlief ein Weg, der im Zusammenhang mit einer Teilung des Friedhofes in ein Areal sozial höher und niedriger gestellter Familien gedeutet wurde. Ein grabfreier Platz deutet auf eine ehemals vorhandene Holzkirche hin. Die Elite des Zentralortes, wohl die herrschende Familie und deren Hofgemeinschaft, wurde in einer separaten Gruppe bestattet. Hier zeigt sich ein Streben nach Repräsentation, das wohl durch die prunkvollen Bestattungen der nahen mährischen Zentren angeregt wurde. Eine regionale Prägung schlug sich vor allem im Fundgut der Frauenbestattungen nieder. In der letzten Belegungsphase des frühen 10. Jahrhunderts scheint sich ein Wiedererstarken des Heidentums abzuzeichnen. Die erwähnten Entwicklungen und die Aufgabe des Gräberfeldes schließlich sind wohl mit einer veränderten wirtschaftlichen sowie politischen Situation zu verbinden, wie sie nach dem Niedergang des großmährischen Reiches zu erwarten ist. Auch die Siedlungstätigkeit verlagerte sich, zugunsten einer Siedlung am Fuße des Schanzberges.