Transdifferenz und Transkulturalität in Österreich-Ungarn
Transdifference and Transculturality in Austro-Hungary
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (10%); Geschichte, Archäologie (10%); Sprach- und Literaturwissenschaften (80%)
Keywords
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Transdifference,
Culture,
Transculturality,
Migration,
Austro-Hungarian Literatures,
Alterity
Mit dem Konzept der Transdifferenz lassen sich nach H. Breinig und K. Lösch herkömmliche Unterscheidungen bezüglich der geschlechtlichen, sprachlich-kulturellen, religiösen, klassenspezifischen oder nationalen Zugehörigkeit in ihrer scheinbaren Eindeutigkeit hinterfragen: Durch kritische Analyse wird sichtbar, dass diese Zugehörigkeiten gesellschaftlich gemacht und deshalb veränderbar sind. Dieses Durchbrechen von sozialen Zugehörigkeitsgrenzen können als Momente der Transdifferenz festgemacht werden. Es zeigt sich, dass sich Zugehörigkeiten in jedem einzelnen Menschen wechselseitig beeinflussen; dass Menschen und gesellschaftliche Gruppen von verschiedensten kulturellen Einflüssen durchdrungen sind und damit je unterschiedlich umgehen. Die vielfältige kulturelle Durchdringung wird nach W. Welsch Transkulturalität genannt. Während sich mit Transkulturalität die multikulturelle Gestalt der Habsburger Monarchie begreifen lässt, dient das Gegenkonzept Transdifferenz dazu, individuelle Selbstbestimmung entgegen gesellschaftlicher Erwartungen herauszuarbeiten. Beide Begriffe sind Ausgangspunkte für den Sammelband, der sich mit den unterschiedlichen Kulturen und Literaturen in der Habsburger Monarchie kritisch auseinandersetzt. Die Konzepte helfen den Kulturbegriff in Bezug auf diesen transkulturellen Raum neu zu denken und die Stereotypenbildung in der Literatur, die häufig mit gesellschaftlichen Vorurteilen einhergeht, zu entlarven. Die Analyse transdifferenter Momente fördert die gesellschaftskritische Sprengkraft zutage und lässt das Wirken der Autorinnen und Autoren um 1900 in einem neuen Licht erscheinen. Auch die Lebensweisen mehrsprachiger Künstlerinnen und Künstler zwischen den Sprachkulturen können auf diese Weise neu ,gelesen werden. Die Erfahrungen der Migration und der Reise sind ihrem künstlerischen Schaffen, ihren Texten auf unterschiedliche Art und Weise eingeschrieben: das Fremde als zugleich anziehend und bedrohlich, als das Andere des Eigenen (Alterität); oder das Fremde ent-fremdet durch Nahaufnahme, durch Einnehmen des anderen Standpunktes, durch eine Begegnung im Sinne eines Verstehen-Wollens. Namhafte Expertinnen und Experten aus beinahe allen Gebieten der ehemaligen Habsburger Monarchie widmen sich mit literatur- und kulturwissenschaftlichen, theater- und geschichtswissenschaftlichen Fragestellungen einem vielfältigen Forschungsmaterial, das von Romanen, Gedichten, Dramen, Kinder- und Jugendbüchern, Libretti, Reiseliteratur, Reportagen von Frauen, Theaterkritiken, Zeitschriftenkonzepten, Tagebüchern, Briefen, militärischen Akten, bis hin zu frühen Filmdokumenten und heutigen Wikipedia-Einträgen reicht. Behandelt werden beispielsweise die Werke von J. Déry, M. v. Ebner-Eschenbach, I. Franko, M. Frischauf-Pappenheim, M. E. delle Grazie, I. Hartinger, M. Jkai, B. Katscher, M. Lobe, G. Meisel-Heß, B. Pappenheim, G. Saiko, F. Salten, A. Šenoa, B. v. Suttner und F. Tomizza. Die Beiträge beleuchten die Theorie der Transdifferenz, hinterfragen die historische Kanonbildung, den Umgang mit Geschlechterrollen und sprachlich-kulturellen Stereotypen, zeigen den Zwiespalt zwischen ethnischer und staatlicher Zugehörigkeit in multilingualen Gebieten und den journalistischen Umgang mit Transkulturalität. Die Kombination von Transdifferenz und Transkulturalität ist ein ungewöhnliches Konzept, das in der Anwendung auf weniger bekanntes Material neue Aspekte des Kulturraums Österreich-Ungarn erschließt.