Stigmatisierung der Neuchristen im Spanien d. Frühen Neuzeit
Stigmatizing New Christians in Early Modern Spain
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (40%); Philosophie, Ethik, Religion (60%)
Keywords
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Purity of Blood,
Conversos,
Early Modern Medicine,
Moriscos,
Spain
Um Mechanismen der Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung zu durchschauen, ihnen vorzubeugen und sie beizeiten zu bekämpfen, müssen wir sie verstehen. Vor dem Hin- tergrund der in den Medien derzeit allgegenwärtigen Diskussionen um die Flüchtlings- und Asylpolitik erhält die Frage nach den Mechanismen gesellschaftlicher Ausgrenzung eine traurige Brisanz. Zum besseren Verständnis, wie Ausgrenzung durch Stigmatisierung funkti- oniert, lohnt sich ein Blick auf die Iberische Halbinsel in der Frühen Neuzeit. Die Blutreinheitsideologie (span. limpieza de sangre) unterteilte die frühneuzeitliche iberi- sche Gesellschaft in zwei Gruppen: Altchristen und Neuchristen. Unter Neuchristen verstand man diejenigen, die vom Judentum oder vom Islam zum Christentum konvertierten bzw. konvertieren mussten: die Conversos und Morisken sowie ihre gesamte Nachkommenschaft. Sie wurden von den Blutreinheitsideologen salopp gesprochen zu Christen zweiter Klasse degradiert, da sie ständig zur Apostasie, zum Abfall vom christlichen Glauben, neigen wür- den. An der Schwelle vom 16. zum 17. Jahrhundert lässt sich in den Schriften der Blutreinheits- ideologen ein gesteigertes Interesse an körperlichen Markierungen feststellen, um der ver- meintlichen Unterlegenheit der Neuchristen Sichtbarkeit zu verleihen. Die Publikation analy- siert einerseits Rechtfertigungsschriften der Blutreinheitsideologen und andererseits medizi- nische Schriften. Auf diese Weise lassen sich Wechselwirkungen zwischen der Blutreinheits- ideologie und den zeitgenössischen medizinischen Tendenzen aufdecken. Zur Erforschung der verstärkten Fokussierung auf den neuchristlichen Körper und der damit einhergehenden Stigmatisierung bieten sich insbesondere drei von den Blutreinheitsideolo- gen propagierte, körperliche Markierungen an: 1) Die Muttermilch der Neuchristinnen: Die Blutreinheitsideologen warnten davor, neuchristliche Ammen für altchristliche Säuglinge ein- zusetzen. Die Ammenmilch wurde als Gefahr für den Charakter des Kindes und als Quelle häretischer Tendenzen angesehen. 2) Die männliche Menstruation der Conversos: Zurück- gehend auf den Topos der jüdisch-männlichen Menstruation wurde den Converso-Männern vorgeworfen unter monatlichen Blutungen zu leiden, die manchmal auch als Analblutungen beschrieben wurden. Folglich konnten Hämorrhoiden als göttliches Zeichen der Apostasie gedeutet werden. 3) Neuchristlicher Gestank: Den Neuchristen wurde ein strenger Körperge- ruch unterstellt, der als Merkmal göttlicher Strafe betrachtet wurde. Der Topos des foetor judaicus, des jüdischen Gestanks, bildete hierfür das argumentative Fundament. Somit konnte strenger Körpergeruch als ein Hinweis auf eine vorgetäuschte Konversion gewertet werden. Das frühneuzeitliche Spanien und seine Blutreinheitsdebatte bieten somit einen fruchtbaren Boden für eine Tiefenanalyse von Ausgrenzung durch Stigmatisierung, ein Stein im Mosaik, der zum Verständnis klassischer Muster der Diskriminierung beitragen kann und soll.