Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Kunstwissenschaften (60%); Medien- und Kommunikationswissenschaften (10%); Philosophie, Ethik, Religion (10%)
Keywords
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History And Theory Of Photography,
Gender Studies,
Cameraless Photography,
Vernacular Photography,
Feminist Criticism Of Science,
Victorian Culture
Ausgehend von William Henry Fox Talbots ab ca. 1834/35 hergestellten photogenic drawings" kameralose, direkte Abdrucksfotografien flacher Gegenstände wie Spitzen, Blätter, Federn und dergleichen, die sich als helle Schatten gegenüber der belichteten, dunkleren Fläche abzeichnen spannt sich der zeitlich behandelte Rahmen der Dissertation von naturwissenschaftlich-ästhetischen Aufzeichnungsverfahren der viktorianischen Ära, über das Fotogramm als didaktisches Medium, bis zu seinen amateurkünstlerischen Folgen um 1900. An zentraler Stelle steht dabei die Frage, weshalb es eine Geschichte der Fotografie gibt, je- doch keine Geschichte des Fotogramms. Um 1839 erfunden, geriet das kameralose Verfahren Fotogramm aufgrund eingeschränkter Anwendungsmöglichkeiten so ist zahlreich zu lesen alsbald in Vergessenheit. Erst im Rahmen der künstlerischen Avantgarde fand es erneutes Interesse. Dazwischen, so scheint es, klafft eine Lücke, oder: eine fotogrammlose Zeit. Warum Fotogramme lange Zeit weder reflektiert noch als sammlungswürdig erachtet und somit am Rande der Fotografie angesiedelt wurden, erklärt sich aus der Geschichtskonzeption der Fotografie, die mit der Implementierung einer Camera obscura ihren Anfang nimmt. Zudem lässt sich der Ausschluss bzw. die Randstellung von Frauen als Produzentinnen zahlreicher kameraloser Fotografienfeststellen. Technizistisch geprägte Fotografiehistoriografien rückten ebenso wie die an kunsthistorischen Kategorien ausgerichteten Fotogeschichten männlich kodierte Meisterwerke in den Vordergrund. Mit Hilfe der Methoden der Geschlechtergeschichte und feministischen Wissenschaftskritik können objektivierende Meister- Erzählungen jedoch aufgebrochen und jene blinde Flecken der Fotohistoriografie sichtbar gemacht wer- den. Unter Einbeziehung zahlreicher Fallstudien, ist das Anliegen meiner Dissertation, abseits gängiger Historisierungsweisen der Fotografie die Hinzufügung der Kamera in die Geschichte der Fotografie als nachträglichen Eintritt in das Feld des Fotografischen aufzuzeigen ein Terminus von Rosalind Krauss, der mehr als nur eine konkrete Bildpraxis umschreibt und Denkmöglichkeiten jenseits der Fotografie als Kamerafotografie ermöglicht. Die vorliegende Arbeit geht insofern der historisch belegbaren Marginalisierung des Foto-gramms im 19. Jahrhundert mithilfe einer historiografischen, semiotischen als auch strukturellen Analyse ihrer spezifischen Medialität, ihrer wissenschaftlichen und künstlerischen Qualitäten sowie Bezugsgrößen nach. Dabei steht die Rolle der Taktilität sowie des Abdrucks im Vergleich zur Fotografie im Vordergrund sowie eine auf motivische und formale Referenzen fußende geschlechtsspezifische Verortung des Mediums Fotogramm, die anhand von natur- wissenschaftlichen als auch amateurkünstlerischen Fallbeispielen erforscht wird. Zudem konzentriert sich die Untersuchung auf das Konzept der Selbsttätigkeit, welches erstmals inner- halb der Fotografieforschung hinsichtlich seiner ökonomischen, biologistischen sowie natur- philosophischen Wurzeln erörtert wird. Durch diese Analyse wird eine bis dato noch ausstehende Medialitätsgeschichte des Fotogramms realisiert, aber auch die historische Relevanz dieses bisher vernachlässigten Mediums herausgearbeitet.