Das narrative Subjekt. Erzählen im Zeitalter des Internets
Das narrative Subjekt. Erzählen im Zeitalter des Internets
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (30%); Medien- und Kommunikationswissenschaften (70%)
Keywords
-
Digital Media,
Narratives,
Internet,
Mediatization,
Story telling,
Media Studies
Das Erzählen gehört zu den Grundlagen des Lebens wie Essen, Trinken, Gehen, Spielen (Wittgenstein 1960). Das gilt auch für junge Netzakteur_innen und Blogger_innen aus verschiedenen Teilen der Welt, die im Mittelpunkt dieses Buches stehen. Die digitalen Netze sind für sie Bühnen, Instrumente und Gegenstand des Erzählens. Sechs Typen von Narrationen konnten in einer empirischen Untersuchung ermittelt werden: Vernetzungs-, Selbstinszenierung-, Händler_innen-, Grenzmanagement- Verwandlungs- sowie Auf-und Ausbruchsnarrationen. Mit diesen Narrationen versuchen sie sich die Welt zu erklären und sich in diese Welt hineinzubauen, um in ihr handlungsfähig zu werden. Die Narrationen antworten aktuellen gesellschaftlich-kulturellen und lebensgeschichtlichen Herausforderungen. Um einige Beispiele zu nennen: In den Selbstinszenierungsnarrationen geht es vorrangig um die eigene Sichtbarmachung und das Gesehen- Werden in den digitalen Arenen. Sie künden von der Sorge, in einer unübersichtlichen Welt übersehen zu werden. Kontrastierend dazu stellen die Vernetzungsgeschichten auf die Beziehungen zu anderen ab. Sie dokumentieren das Ringen um ein Du, das in einer Gesellschaft mit hohem Mobilitätsdruck abhanden zu kommen droht. Grenzmanagementnarrationen erzählen von Versuchen, Grenzen abzustecken z.B. zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, die im Zuge der Digitalisierung von Gesellschaften erodieren. Die digitalen Medien kommen mit ihren Strukturmerkmalen wie Interaktivität, Netzstruktur, Globalität diesen Wünschen wie kein anderes Medium entgegen. Sie spielen eine selbstverständliche und unverzichtbare Rolle in den Narrationen. Ihre Faszination besteht u.a.darin, dass sie nicht nur professionellen Erzähler_innen, sondern auch Alltagshandelnden an jedem Ort und zu jeder Zeit zur Verfügung stehen. Sie eröffnen neue narrative Spielräume für multimediales, transmediales und gemeinschaftliches Erzählen. Sie regen zur Entwicklung neuartiger Erzählformen an, in denen Text, Bild, Sound ineinander verwoben werden. Sie bergen aber auch Risiken, so wenn sich die Narrationen von ihren Schöpfer_innen lösen und sich gegen diese kehren, weil sie durch andere verändert wurden. Man darf sich das Erzählen der Netzgeneration nicht so vorstellen, dass zusammenhängende Narrationen mit einem klaren Anfang und Ende erzählt werden. Vielmehr werden narrative Puzzlestücke in Form von Episoden, Szenen, Erinnerungstücken präsentiert, die erst durch die wissenschaftliche Analyse eine Narration ergeben. Auch fehlt in der Regel ein Ende; es sind Narrationen mit offenen Rändern, was auf die Fragmentierung modernen Lebens verweist. Das Buch bietet Einblicke in neue Narrationen und in neue Formen des Erzählens, die entstanden sind, weil das Was und Wie des Erzählens nicht unabhängig davon ist, wo und wann wir leben. Es sind die Ungereimtheiten, die Verunsicherungen, Spannungen und Widersprüche, die zum Erzählen drängen. Leser_innen, die mehr darüber erfahren wollen, wie sich die kulturellen und lebensgeschichtlichen Umbrüche in den Gedanken und Gefühlen der jungen netzaffinen Generation widerspiegeln, und wie sich in der Interaktion mit den digitalen Geräten Narrationen formen, werden in diesem Buch fündig.