Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
Viennese Court,
Edition,
Court Ceremonial
Abstract
Das vom Oberhofzeremonienmeister Gundacker Heinrich Graf Wurmbrand entworfene
Etiquette-Normale für den österreichischen Kaiserhof (verfasst zwischen 1810 und 1813)
ist eine einzigartige Quelle zur Rekonstruktion des Zeremoniells am Wiener Kaiserhof nach
dem Ende der Napoleonischen Ära. Es handelt sich bei dem Etiquette-Normale um einen
gründlich durchdachten und ausgearbeiteten Entwurf, dessen Zweck dahin ging, so
Wurmbrand in seiner etwas eigenwilligen Orthographie, das Publicum sowohl als die im
Ceremoniel bey Hofe einwirkenden Individuen in so ferne zu belehren, als es nothwendig ist,
um jenen so wesendlichen Anstand, jene Ruhe, und Gleichheit in denen Dispositionen zu
erzweken, die der Würde unseres erhabenen Keiser Hofes angemessen sind.
Die Abfassung des Textes fällt in die für die Formierung des Kaisertums Österreich zentrale
Phase zwischen dem Ende des Alten Reichs 1806 und dem Wiener Kongress 1814/15. Diese
Jahre sind neben den Napoleonischen Kriegen durch die Entstehung zahlreicher
Denkschriften zu innenpolitischen Reformprojekten gekennzeichnet, die sich mit Rang, Status
und Bedeutung der neu begründeten Monarchie in Europa auseinandersetzen. Das höfische
Zeremoniell spielt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Der Jahresablauf bei Hof
präsentiert in performativer Art und Weise nicht nur Rang und Dignität des Herrschers,
sondern auch Hierarchien der Hofgesellschaft und selbst im 19. Jahrhundert das
Selbstverständnis des Monarchen als Herrscher von Gottes Gnaden. Das Etiquette-Normale
stellt daher einen Versuch der (Neu-)Ordnung des höfischen Zeremoniells nach Zeiten des
Umbruchs dar. Es definiert nicht nur die Rolle des Herrschers, sondern auch der Mitglieder
seiner Entourage sowie der Hofbediensteten in einem durch symbolische Bedeutungen
aufgeladenen Beziehungssystem. Der Hof und der Hofstaat erscheinen als wohlgeordneter
Mechanismus, um die Stellung und den Rang des österreichischen Monarchen, des erst 1804
eingeführten Kaisertitels und damit auch des österreichischen Kaisertums zu zelebrieren und
über das Medium symbolischer Kommunikation zu legitimieren.