Kirche, Habitus und kulturelles Gedächtnis in Kärnten
Church, Habitus and Cultural Memory in Carinthia
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (30%); Philosophie, Ethik, Religion (30%); Soziologie (40%)
Keywords
-
Carinthias,
Catholic Church,
Habitus,
Cultural Memory,
Austrofascism
Inhalt: Umfragen zufolge sind im Bundesland Kärnten Kirchenbindung und Vertrauen in die Institution Kirche schwächer ausgeprägt als in anderen österreichischen Bundesländern. Dieser Umstand wird in der vorliegenden Arbeit mit den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Verbindung gebracht, die Kärnten auch unter Fachleuten den Ruf eingebracht haben, ein Sonderfall zu sein. So scheinen Phänomene wie das vom Bundesschnitt abweichende politische Wahlverhalten, die besondere Zuspitzung des Volksgruppenkonfliktes oder die auffallend hohe Rate an unehelichen Kindern auch mit der Wahrnehmung der katholischen Kirche in Zusammenhang zu stehen. In Anlehnung an den Begriff der Kärntner Seele wird dieser Sachverhalt als Ausdruck einer regional verbreiteten und gesellschaftlich geformten Persönlichkeitsstruktur erklärt, die mit dem soziologischen Fachbegriff des Habitus bezeichnet und als Ergebnis eines langfristigen historischen Entwicklungsprozesses verstanden wird. So widmet sich der erste Teil der Untersuchung der Entstehung dieses Kärntner Habitus. Dazu werden wichtige Stationen der Kärntner (Kirchen-)Geschichte im Hinblick auf die Fragestellung ausgearbeitet. In einem zweiten Hauptteil wird die Wahrnehmung der katholischen Kirche in Kärnten im Christlichen Ständestaat von 1933/34 bis 1938 untersucht. Das autoritäre Dollfuß-Schuschnigg- Regime erhielt maßgebliche ideologische Unterstützung von der katholischen Kirche, blieb aber in Kärnten nicht zuletzt deshalb weitgehend unpopulär. Im Gegenzug dazu gewann in dieser Phase gerade die nationalsozialistische Bewegung in Kärnten starken Zulauf, was auch als Folgewirkung der im ersten Teil geschilderten Zusammenhänge gesehen werden kann. Eine Analyse von bislang noch unveröffentlichtem Archivmaterial, das den Umgang von Kärntner Klerikern mit der um sich greifenden Kirchenaustrittsbewegung im Austrofaschismus dokumentiert, ist Kernbestandteil dieses Abschnitts und bietet neue Einsichten in die gesellschaftlichen Spannungen dieser Zeit. Im dritten Teil der Arbeit werden die erörterten Zusammenhänge anhand von Text- und Bildbeispielen aus Kunst, Literatur und Historiographie illustriert und die einzelnen Facetten des Kärntner Habitus herausgearbeitet. Dazu werden sieben Erinnerungstraditionen vorgestellt, die sich vorrangig in der Zwischenkriegszeit ausgeformt haben und das kulturelle Gedächtnis Kärntens bis heute nachhaltig prägen. In der Zusammenfassung werden die für die Fragestellung bedeutendsten Dimensionen des Kärntner Habitus benannt und umrissen, bevor abschließend die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit in abermals sieben Punkten resümiert werden. Was ist das Neue/Besondere daran? Die Arbeit liefert mit der Aufarbeitung von noch unveröffentlichtem Archivmaterial neue Einblicke in die zeitgeschichtlich wenig beleuchtete, aber außerordentlich bedeutsame Periode vor dem Anschluss. Zugleich bietet sie mit einer umfassenden historischen und kulturgeschichtlichen Zusammenschau eine Deutungsfolie für Entwicklungen, die bis in die Gegenwart wirkmächtig sind.