Der Khurbn in Polen, Galizien und der Bukowina
The churbn in Poland, Galicia and Bucovina
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (25%); Geschichte, Archäologie (25%); Sprach- und Literaturwissenschaften (50%)
Keywords
-
World War I,
Yiddish diary,
Jews in Galicia,
Bucovina,
Poland,
German translation,
Witness and charity work,
Europe
Shimon An-Ski: Der Khurbn in Polen, Galizien und der Bukowina. Tagebuchaufzeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg. Herausgegeben, bearbeitet, kommentiert und mit einer Einführung versehen von Olaf Terpitz. Aus dem Jiddischen übersetzt von Lilian Harlander, Thomas Soxberger und Olaf Terpitz. Shimon An-Skis jiddisches Tagebuch über den Ersten Weltkrieg erschien posthum zwischen 1921 und 1923 in Warschau und New York. In deutscher Übersetzung liegt der yudisher khurbn fun poyln, galitsye un bukovine (fun tog-bukh 5674-5677 [1914-1917]) nun erstmals vollständig vor. Nach seinem Tod 1920 und im Zuge der Umgestaltung der europäischen Vielvölkerstaaten in Nationalstaaten geriet An-Ski weitestgehend in Vergessenheit. Erst mit der Epochenwende der 1990er Jahre gelangten er und sein Tagebuch wieder in die Aufmerksamkeit von Forschung und Literatur. Ausgang für An-Skis Reisen in die Kriegsregionen Österreich-Ungarns und Russlands war das Vorhaben, der jüdischen Bevölkerung vor Ort zu helfen. Sein Tagebuch, das historisches Dokument und literarischer Text zugleich ist, schildert Kriegsgeschehnisse und deren Auswirkungen auf die Juden. An-Skis Darstellung orientiert sich dabei an den Vektoren von Erinnern bzw. Bezeugen und Wohltätigkeit, die jeweils in der jüdischen Tradition begründet sind. Unternimmt es der Ethnograf An-Ski, die Gräuel des Kriegsgeschehens und die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung faktengestützt zu dokumentieren, so kleidet der Schriftsteller An-Ski diesen Bericht in eine literarische Form. Eine Form, die sich durch die Vielfalt der aufgebrachten Textsorten wie Augenzeugenbericht, Brief, Aushang, Befehl ebenso auszeichnet wie durch den damit verbundenen Perspektivwechsel, sei es etwa der Blick aus dem politischen Zentrum Russlands St. Petersburg auf Galizien oder sei es die transzendente Wertung des Kriegs durch die Einzelstimme. An-Skis Tagebuch, das in der gekürzten Übersetzung ins Amerikanische von Joachim Neugroschel (2004) von der Weltkriegsforschung rege rezipiert wird, präsentiert sich als eine kleine Kulturgeschichte Ost(mittel)europas, die die vom Ersten Weltkrieg vollendete Wendung vom Imperialen zum Nationalen einfängt. War An-Skis Intention ursprünglich die Dokumentation der Kriegsereignisse, so gerinnt seine Schilderung des Ersten Weltkriegs und dessen Wirkung auf die jüdische Bevölkerung aus heutiger Betrachtung zu einem postmemorialen Denkmal des Kriegs und seiner Opfer aus jüdischer Perspektive. Sein Tagebuch stellt einmal mehr die Frage nach der conditio humana und dem Europäischen.