Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Sedan Chairs in European Centres of Power
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (25%); Geschichte, Archäologie (50%); Kunstwissenschaften (25%)
Keywords
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Sedan Chairs,
Court Studies,
History,
Early modern period,
Europe
Tragsessel sind faszinierende Objekte, die sich in mancherlei Hinsicht herkömmlichen Kategorisierungen entziehen. Einerseits lassen sie sich zumindest in ihrer einfachsten Bauform dem Bereich der Möbel zuordnen, andererseits handelt es sich dabei aber auch um Transportmittel. In schlichter, robuster Ausführung waren Tragsessel kostengünstige Alltagsvehikel für den Stadtverkehr, die gleich Taxis unserer Zeit für kurze Strecken gemietet werden konnten. In kostbarer Ausstattung waren sie hingegen höfische Prunkgegenstände, die in trefflicher Weise soziale Unterschiede der ständischen Gesellschaft versinnbildlichten: Vertreter der Oberschicht ließen sich darin in ihren Palästen oder auf den Straßen der Stadt von in kostbare Livreen gekleideten Dienern transportieren, erhoben sich auf diese Weise über den unreinen Boden und entrückten sich damit auch symbolisch dem einfachen Volk. Aktuellen Schätzungen zufolge sind heute knapp 1.100 Tragsessel europäischer Provenienz in Privatsammlungen und Museen erhalten. In merkwürdigem Kontrast zur Fülle heute noch existierender Tragsessel und zu ihrer kunst- und kulturhistorischen Bedeutung steht jedoch das geringe Interesse, das ihnen die Forschung bislang entgegenbrachte. Der vorliegende Sammelband widmet sich erstmals in eingehender Weise der Frühzeit von Tragsesseln in Europa, das heißt dem Zeitraum zwischen dem Spätmittelalter und Anfang des 18. Jahrhunderts. Er beinhaltet sieben Aufsätze internationaler Forscherinnen und Forscher, die die Geschichte der Einführung und Etablierung von Tragsesseln in verschiedenen europäischen Machtzentren behandeln. Im Fokus der Beiträge stehen die Entwicklungen am päpstlichen Hof, in Genua, in der spanischen Monarchie, am vizekönigliche Hof Neapels, an den Höfen der österreichischen Habsburger, am bayerischen Hof sowie in Frankreich. Die Variationsbreite der thematischen Zugänge ist vergleichsweise groß. Sie reicht von einer Analyse der Gestaltung und Ausstattung der Tragsessel über die Behandlung der mit ihrem Entwurf und Bau betrauten Künstler und Handwerker bis hin zur Untersuchung der Nutzung seitens der Mitglieder von Fürstenfamilien und Adelshäusern. Beleuchtet wird das Vorkommen von Tragsesseln an führenden Höfen ebenso wie jenes in peripheren Städten. Besonderes Augenmerk wird in mehreren Beiträgen Miettragsesseln sowie dem sozialen Hintergrund und den Arbeitsumständen von Sesselträgern geschenkt. Während in einigen Beiträgen kunst-, sozial-, rechts- oder zeremonialgeschichtliche Ansätze dominieren, werden in anderen terminologische Fragen in den Vordergrund gerückt. Die unterschiedlichen Fragestellungen und Zugänge spiegeln nicht nur die verschieden gelagerten Interessen der Autorinnen und Autoren, sondern auch den Facettenreichtum des Untersuchungsgegenstands selbst wider.