Wirtschaft, Krieg und Seelenheil
Economy, War, and the Salvation of Christian Souls
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (60%); Politikwissenschaften (20%); Wirtschaftswissenschaften (20%)
Keywords
-
Trade embargo,
Bohemia,
Illicit trade,
Heretics,
Hussites,
Late Middle Ages
Die sogenannten Hussitenkriege (14201436), in deren Verlauf Papst Martin V. ( 1431) und Kaiser Sigismund ( 1437) vergeblich versuchten, die angeblich häretischen Anhänger des böhmischen Reformers Jan Hus ( 1415) zu unterwerfen, stellen eine der größten bewaffneten Auseinandersetzungen im spätmittelalterlichen Mitteleuropa dar. Eines der Mittel, zu denen Papst und Kaiser in ihrem Kampf gegen die böhmischen Häretiker griffen, war das Verbot jeglichen Handels mit den Hussiten. Die vorliegende Publikation ist die erste Monografie, die sich mit diesem bemerkenswerten Beispiel für ein mittelalterliches Handelsverbot befasst indem sie versucht, die scheinbar geradlinige wirtschaftliche Zwangsmaßnahme Handelsverbot als komplexe soziale Interaktion zu interpretieren. Zu diesem Zweck wird das antihussitische Handelsverbot sehr viel breiter kontextualisiert als bisher üblich. Die Ereignisse in Böhmen werden in die breite Tradition der im 12. Jahrhundert einsetzenden päpstlichen Verbote von wirtschaftlichen Kontakten zwischen Christen und Muslimen gestellt. Diese ursprünglich anlassbezogenen, begrenzten Verbote entwickelten sich im Spätmittelalter zu der Vorstellung, Handel mit Nicht-Christen, insbesondere mit Häretikern, sei eine Sünde. Wirtschaftliche Beziehungen mit Hussiten zu unterhalten stellte daher nicht nur Kollaboration mit dem Feind dar, sondern wurde für die Gläubigen vor allem auch zu einer Frage des Seelenheils. Vor diesem Hintergrund untersucht die Monografie die Propagierung und Legitimierung des antihussitischen Handelsverbotes, seine praktische Umsetzung sowie die Motive und Ziele derjenigen, die versuchten es durchzusetzen. Zu diesem Zweck werden verschiedene Arten von Quellen (päpstliche und königliche Urkunden, städtische Korrespondenzen, Chroniken, Rechnungen, Quellen der städtischen Strafverfolgung, ) sowohl aus Böhmen als auch aus den umliegenden Ländern mithilfe eines zweigeteilten methodischen Ansatzes analysiert: Einerseits wird das antihussitische Handelsverbot dabei als instrumentelles Kriegsmittel untersucht, andererseits als kommunikativer Prozess und kulturelle Praxis. Beide Aspekte werden in einem dritten Analyseschritt zusammengeführt, in dem die praktische Umsetzung des Handelsverbotes untersucht wird, um die eng verflochtenen top-down- und bottom-up- Prozesse zu rekonstruieren, die dabei zusammenwirkten. Durch die geschilderte Methodik können zum einen Strukturen und Akteure sowohl des internationalen Fern- als auch des lokalen Nahhandels in und rund um Böhmen rekonstruiert werden. Dieser Handel wird zum anderen auf einer alltags- und kulturgeschichtlichen Ebene näher beleuchtet, womit man lebendige Einblicke in Lebensalltag und Mentalitäten mittelalterlicher Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten gewinnt. Vor allem aber demonstriert die Monografie, dass man durch eine Analyse des antihussitischen Handelsverbotes faszinierende Einblicke sowohl in die politische, als auch in die Wirtschafts-, Alltags- und Kulturgeschichte Mitteleuropas im ersten Drittel des 15. Jahrunderts erhält.