Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (50%); Soziologie (50%)
Keywords
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Kinship,
Administration,
Marriage,
History,
Law,
Political Culture
Ab Mitte, spätestens ab Ende des 18. Jahrhunderts ist in verschiedenen europäischen Län- dern ein merklicher Anstieg von Heiraten in der nahen Verwandtschaft beobachtbar. In der katholischen Welt waren Eheschließungen zwischen blutsverwandten oder verschwägerten Frauen und Männern allerdings vier Generationen zurückreichend verboten. Und diese Norm blieb nach kanonischem Recht von 1215 bis 1917 unverändert gültig, die Heiratspraxis änderte sich im untersuchten Zeitraum jedoch dramatisch. Denn Eheverbote dieser Art konnten auf Grundlage einer so genannten Dispens aufgehoben werden. Für die nahen Gra- de bis einschließlich dem zweiten erteilten in der Regel die päpstlichen Stellen in Rom die Dispensen. Trotzdem dies ein aufwendiges und teures Unterfangen war, stieg die Zahl sol- cher Ansuchen aus allen sozialen Milieus. Heiraten unter nahen Verwandten war damit nicht länger ein adeliges Privileg. Päpstliche Dispensakten und Verwaltungsmaterial aus den vier Diözesen Brixen, Chur, Salzburg und Trient liefern die Quellengrundlage der Untersuchung. Die Studie geht nicht, wie vielfach üblich, von den erteilten Dispensen aus, sondern rückt das den Ablauf der Verfahren und die beteiligten Institutionen ins Zentrum. Des Weiteren be- zieht die Analyse die zahlreichen abgewiesenen Ansuchen mit ein, um das Phänomen der in seiner ganzen Bandbreite zu erfassen. Mit dem Eingreifen des österreichischen Staates in die Regelung der Eheverbote und in die Abläufe der Dispensvergabe ab den 1770er Jahren stan- den staatliche und kirchliche Zuständigkeiten in Konkurrenz zueinander. Wie umstritten und umkämpft Verwandtenheiraten waren, macht zudem das von theologischen, juristischen, medizinischen, naturwissenschaftlichen Positionen geprägte Diskursfeld deutlich. Kapitel eins zeigt unterschiedliche Ansichten von Vertretern verschiedener Konfessionen und Staa- ten, von Gelehrten und Praktikern wissenschaftlicher Disziplinen auf. Wie sich die konkurrie- rende kirchliche und staatliche Rechtslage in der Dispenspraxis Ende des 18. Jahrhunderts auswirkte, ist Inhalt des zweiten Kapitels. Wie unterschiedlich sich dann im 19. Jahrhundert die Verwaltungsabläufe auf Ebene der einzelnen Diözesen gestalteten, wird in Kapitel drei thematisiert. Die Auswertung der Dispensakten macht deutlich, dass die markantesten Paar- konstellationen vor allem zwei waren: erstens Witwer, die ihre Schwägerin die Schwester der verstorbenen Frau und zugleich Tante der Kinder heiraten wollten, sowie Verbindun- gen zwischen Cousin und Cousine ersten Grades. Die dahinter stehenden Erwartungen und Vorstellungen, familialen und sozialen Kontexte werden in den Kapiteln vier und fünf her- ausgearbeitet. Die zentrale Fragestellung des Buches ist auf die Logiken gerichtet, die in Dispensverfahren zum Tragen kamen: diskursiv-konzeptuelle, rechtlich-politische, administrativ-bürokratische, familien- und haushaltsorganisatorische, soziokulturelle und soziopolitische. In ihrer Ver- flechtung führen diese vom Dorf und vom örtlichen Pfarrhaus bis in die römische Kurie, vom Witwerhaushalt und vom lokalen Gemeindeamt bis in die Wiener Hofkanzlei. Der auf das Verwalten von Verwandtschaft gelegte Fokus eröffnet zugleich einen Zugang zu Prozessen der Integration von Staat und Kirche sowie von Staat und Region in einer in diesem Zusam- menhang historisch entscheidenden Ära.
- Universität Wien - 100%