Juden auf Wanderschaft aus Böhmen über Prag nach Wien
Jews on the Way from Bohemia via Prague to Vienna
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Politikwissenschaften (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (60%)
Keywords
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Judaism,
Family Memoirs,
Habsburg Monarchy,
Bourgeoisification/Upward Mobility,
Bohemia,
Assimilation/Zionism
In den Jahren 1931/32 verfasste die 1868 in Lokšany, dem Judenviertel der böhmischen Kleinstadt Bresnitz/Breznice, geborene, 1888 aus Prag nach Wien übersiedelte Charlotte von Weisl im Alter von 63 Jahren ihre Familiengeschichte. Den Zeitpunkt der Niederschrift mag die Erzählerin als zweifache Zeitenwende empfunden haben: biographisch durch den Tod ihres geliebten und verehrten Mannes Ernst Franz von Weisl am 18. Juni 1931, politisch durch den von ihr befürchteten Eintritt in das Zeitalter Hitlers mit der Errichtung autoritärer und totalitärer Diktaturen nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich. Sieben Generationen, bis ins 17. Jahrhundert, reicht die von der Autorin beschriebene Ahnenreihe zurück, deren im Gedächtnis aufzubewahrender Familiensinn als solidarischer, Gemeinschaft stiftender Tugendkanon der Nachkommenschaft als Vermächtnis hinterlassen werden soll. Januskopfartig blickt sie zurück in eine vom gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Aufstieg ihrer Vorfahren geprägte Vergangenheit und voraus in eine ungewisse, lebensbedrohliche Zukunft ihrer Kinder und Kindeskinder. Bis in die 1880er Jahre ist diese Familienchronik in Böhmen auf dem Lande, in Dörfern, Kleinstädten und zuletzt in der Hauptstadt Prag lokalisiert. Im letzten Viertel der Erzählung, in der Charlotte großteils ihre Ehe mit Ernst Franz von Weisl schildert, wird Wien zum Hauptschauplatz des Geschehens. Wie in anderen jüdischen Familiengeschichten stellt die habsburgische Weltmetropole die urbane, kosmopolitische Endstation der Wanderschaft dar, wo der gesellschaftliche Emanzipationsprozess seinen besitz- und bildungsbürgerlichen Höhe- und Schlusspunkt erreicht. Die Begegnung mit dem sich ausbreitenden Zionismus in den Gestalten Theodor Herzls und Max Nordaus sowie der Erste Weltkrieg, in dem Ernst Franz von Weisl als angesehener Militärjurist dient, während die Söhne als Offiziere der K.-u.-k.-Armee an die Front abkommandiert werden, sind die weiteren markanten historischen Ereignisse. Der Band enthält einen detaillierten Stellenkommentar zum Text und einen monographischen Darstellungsteil, der das Werk unter gattungspoetologischen, sozialgeschichtlichen und thematischen Aspekten untersucht. Der Anhang bietet ein Gesamtstemma aller Familienzweige und eine bis in den Dreißigjährigen Krieg zurückreichende Zeittafel zum historischen, gesellschaftlichen und politischen Umfeld, dem die Lebensdaten der wichtigeren Familienmitglieder hinzugefügt werden. Den Abschluss bilden eine ausführliche Bibliographie und ein Personenregister. Die Edition soll einen innovativen Einblick in die wechselvolle Geschichte jüdischer Sozialisation in den österreichisch-böhmischen Ländern des Habsburgerreichs eröffnen. Sie verdeutlicht einmal mehr, angereichert mit vielen unbekannten Details, dass die Entwicklung aller dieser jüdischen Generationen einen herausragenden, integrativen Bestandteil der K.-u.-k.-Monarchie darstellt, der mit dem Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland und der Okkupation der Tschechoslowakei, mit dem Zweiten Weltkrieg und der Shoa unwiderruflich zerstört wurde. Der Katastrophe fielen zahlreiche Angehörige der letzten Generation dieser Familiengeschichte zum Opfer, wenn sie sich nicht wie die Erzählerin selbst und ihre unmittelbaren Nachkommen durch die Flucht sei es nach Amerika, Kanada oder Palästina zu retten vermochten.