Über die Ökonomie des Seelenlebens in Zeiten der Krise
On the Economy of the Psyche in Times of Crisis
Wissenschaftsdisziplinen
Psychologie (75%); Wirtschaftswissenschaften (25%)
Keywords
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Psychoanalysis,
Individualisation,
Neoliberalism,
Defense mechanisms,
Resilience,
Social unconscious
Die Finanzkrise 2008 und die darauffolgende Wirtschaftskrise haben in ihren Auswirkungen nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Länder und Nationen erfasst und sie bis in die Gegenwart nachhaltig verändert. Die Folgen waren zusammengebrochene Volkswirtschaften, Arbeitslosigkeit, Schulden in individuellen und staatlichen Haushalten und seelische Erkrankungen, aber auch gebrochene Zukunftsvorstellungen und politische Destabilisierung. Ziel dieser Arbeit ist es zu zeigen, dass die Psychoanalyse und die psychoanalytische Sozialpsychologie Wesentliches zum Verständnis des Krisengeschehens und seiner Verarbeitung beitragen kann, weil sie wie keine andere Wissenschaft die bewussten und unbewussten Faktoren untersucht, die das Denken, Fühlen und Handeln bestimmen. Diese Arbeit ordnet sich in jene Tradition der Psychoanalyse ein, die gesellschaftliches Geschehen und individuelles Leiden in einen Zusammenhang bringt. Was bisher fehlte, ist nicht nur eine Analyse der Wünsche und Versprechen, die im Vorfeld der Krise jene Menschen in ihren Bann zogen, die nichts hatten und sich nach Reichtum sehnten, sondern auch eine Analyse der neoliberalen wirtschaftlichen Strömungen, die es ermöglichten, dass Banker zu Kultfiguren wurden, die angesichts fehlender staatlicher Kontrollen über Gedeih und Verderb von Anlegern entschieden und die Weltwirtschaft zu einem großen Spielkasino machen konnten. Genauso fehlte eine Analyse der Affekte, besonders von Ängsten und Schuldgefühlen, die im Zuge der Krise mobilisiert wurden und etwa in Form von Projektionen auf Sündenböcke abgewehrt werden. Beschrieben wird auch anhand der Analyse von Tiefeninterviews mit Wirtschaftstreibenden , wie bestimmte Modellvorstellungen von Krisen diese zu einem immer wiederkehrenden Ereignis machen, das naturgesetzartig Generationen von Menschen heimsucht und gegen das man scheinbar wenig ausrichten kann; weiters, wie bestimmte Arbeitsverhältnisse und Organisationsstrukturen es verunmöglichen, die krisenverursachenden Faktoren zu identifizieren, oder Praktiken von Stellenneubesetzungen und restriktive Kommunikationsstrategien in Institutionen es verhindern, für ein nachhaltiges Krisenmanagement zu sorgen. Da diese Phänomene nicht ins Bewusstsein dringen, dreht sich das Rad der Geschichte immer weiter und Krisen werden wie andere traumatische Ereignisse als unabänderlich wahrgenommen. So bleiben Machtverhältnisse und solche der sozialen Ungleichheit bestehen. Die Arbeit zeigt anschaulich, wie produktiv ein interdisziplinärer Ansatz zwischen Psychoanalyse und anderen Wissenschaften bei der Analyse von einschneidenden gesellschaftlichen Ereignissen, wie der Finanzkrise 2008 und der ihr folgenden Wirtschaftskrise, sein kann. Die Psychoanalyse erfüllt damit eine wesentliche gesellschaftskritische Funktion, indem sie Veränderungsmöglichkeiten sowohl im Hinblick auf die eigene Lebensgeschichte als auch von gesellschaftlichen Verhältnissen aufzeigt.
- Privat - 100%