Die Familien-Fideikommissbibliothek
The Familien-Fideikommissbibliothek
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (55%); Geschichte, Archäologie (45%)
Keywords
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Library History,
Austrian history 1835-1918,
Memory Institution,
Cultural History,
Content Analysis,
Supranational Identity
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen ist eine der größten und bedeutendsten Sammlungen einer Herrscherfamilie, die im 19. Jahrhundert entstanden ist und neben gedruckten Büchern auch Handschriften, Landkarten und eine außergewöhnlich große Porträtsammlung enthielt. Hervorgegangen ist sie aus der Privatbibliothek des habsburgischen Kaisers Franz II./I., der seine Büchersammlung kurz vor seinem Tod 1835 zu einem Fideikommiss erklärte: also zu einem unteilbaren Eigentum der Herrscherdynastie, das nicht verkauft werden durfte. Die Privatbibliothek des Kaiser Franz, die zwischen 1784 und 1835 entstanden ist, wurde bereits in einem 2015 erschienenen Buch ausführlich behandelt. Die vorliegende Publikation widmet sich dem Zeitraum 1835 bis 1918. Innerhalb der ersten Phase dieses Zeitraums bis um 1870 stagnierte die Sammlung; man war hauptsächlich damit beschäftigt, den rechtlichen Vorgaben des Fideikommisses zu entsprechen und den vorhandenen Bestand zu sichten und zu katalogisieren. Nachdem Kaiser Franz Joseph 1878 nach dem Tod seines Vaters Erzherzog Franz Karl selbst Fideikommissherr wurde, also die Oberaufsicht über die Sammlung übernahm, vereinigte er diese mit seiner eigenen und der Privatbibliothek seines Onkels Kaiser Ferdinand. Außerdem sorgte er für die Einstellung qualifizierter und hochmotivierter Bibliotheksleiter. Als solcher fungierte zunächst Alois Moritz von Becker und nach dessen Tod Joseph von Zhishman, die beide ehemalige Lehrer des Kronprinzen Rudolf waren. Damit begann für die Sammlung eine Phase progressiver und innovativer Weiterentwicklung. Sie wurde schrittweise für die Allgemeinheit geöffnet: unter anderem für Forschungen, für Ausstellungen und wissenschaftliche Anfragen. Außerdem gelangten zunehmend Werke mit Bezug zur Donaumonarchie und ihr Herrscherhaus sowie Schriften, Zeichnungen und private Buchbestände von Habsburgern in die Fideikommissbibliothek (u.a. die Privatbibliothek des Kronprinzen Rudolf). Auch die Schulhefte und die Kinderzeichnungen Franz Josephs waren Bestandteil der Fideikommissbibliothek. Sie gewann damit den Charakter einer Habsburgersammlung. Um die Jahrhundertwende entstand deshalb die Idee, ein Habsburgermuseum mit Beständen der Fideikommissbibliothek zu errichten, eine Art Erinnerungsraum für die Dynastie. Dieser Plan wurde jedoch nie verwirklicht und geriet mit dem Ende der Monarchie in Vergessenheit. Nach der Gründung der Ersten Republik wurde die Fideikommissbibliothek auf Grundlage des sogenannten Habsburgergesetzes verstaatlicht und schließlich der Nationalbibliothek angegliedert. Dennoch blieben ihre Bestände weitgehend geschlossen erhalten in jenen Räumlichkeiten im Corps de Logis der Neuen Burg, in die sie 1908 gelangten. In der vorliegenden Publikation wird versucht, die komplexe Entwicklung dieser Sammlung in all ihren kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Facetten nachzuzeichnen.