Gesellschaft und Wirtschaft im archaischen Süditalien
Society and economy in archaic southern Italy
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (60%); Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (10%); Soziologie (30%)
Keywords
-
Italic communities,
Identities,
Society,
Transhumance,
economy
Die Untersuchung befasst sich mit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung des südlichen Italiens in der Zeit der sog. Griechischen Kolonisation, also etwa vom 8. 5. Jh. v. Chr. Hier treffen von unterschiedlichen Traditionen geprägte Gruppen aufeinander: Neuankömmlinge aus dem Ostmittelmeerraum (v.a. Griechen) und die bereits seit Jahrhunderten in diesem Raum ansässigen Bevölkerungen. Im Unterschied zu früheren Studien, deren Schwerpunkt meist auf den neuen Siedlern lag, nimmt die Arbeit die Einheimischen in den Blick, ihre Lebensumstände und ihre Reaktion auf die neue Situation. Ausgangspunkt ist der Ort Ripacandida in der Region von M elfi. Die in den 1970er/1980er Jahren ausgegrabenen Befunde werden erstmals einer genaueren Analyse unterzogen und vollständig vorgelegt. Die lokale Gemeinschaft bestand aus Kernfamilien, die wahrscheinlich nicht permanent an dieser Stätte sesshaft waren. Die Grabbeigaben bezeugen ihre überregionale Vernetzung im einheimisch-italischen Gesellschaftsgeflecht. Bereits ab dem 6. Jh. v. Chr. finden sich griechische Importe, in Bezug auf Bestattungssitte und Ausstattung bleiben die Gräber aber italischen Traditionen verhaftet Importgefäße bilden nur Zusätze zum traditionellen Inventar. Die in den Grabbeigaben ablesbaren Geschlechterrollen zeigen, dass M änner v.a. für den Schutz des Haushaltes verantwortlich waren (Waffen), während sich für Frauen vielschichtigere Aufgaben andeuten: die Verwaltung und Zubereitung von Essen, Kindererziehung, die Zuständigkeit für das rituelle Wohlergehen der Gemeinschaft sowie Textil- und möglicherweise auch Keramikproduktion. Die lokal beobachteten Gegebenheiten werden im Anschluß in den größeren Kontext des süditalischen Raumes gestellt. Es zeigt sich, dass die Grundprinzipien gesellschaftlicher Ordnung im gesamten Untersuchungsraum sehr ähnlich sind. Allerdings lassen sich in größeren Orten Tendenzen zur sozialen Stratifizierung feststellen. Elitäre Bestattungsareale deuten an, dass sich in den Zentren spätestens ab dem 6. Jh. v. Chr. dynastische Tendenzen entwickeln, während in kleinen Gemeinschaften wie Ripacandida eine egalitäre Sozialstruktur vorherrscht. Die überregionalen Eliten waren sowohl untereinander als auch zu den Küsten hin gut vernetzt und errichteten Gebäude, die ihren Status sichtbar machten, als Begegnungsstätten dienten und für deren Bau spezialisierte Handwerker aus den Griechenstädten verpflichtet wurden. Die Arbeit wirft auch einen Blick auf die wirtschaftlichen Gegebenheiten und diskutiert die Rolle von Transhumanz, für deren Existenz eine Reihe indirekter Indizien beobachtet werden können. Entlang ihrer Routen könnten die von den neuen Siedlern erlangten Waren in eigener Interpretation entlang im regionalen Gefüge seit Generationen bestehender Handelswege weitergegeben worden sein. Dabei agierten die Einheimischen nicht als passive Empfänger, sondern als aktive, den Austausch entscheidend mitbestimmende Partner. 1