Hier und anderswo. Palästina-Israel im essayistischen Film
Here and elsewhere. Palestine-Israel in Essay Films
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (90%); Philosophie, Ethik, Religion (10%)
Keywords
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Visual History,
Israel-Palestine,
Essay Film,
Cinema,
Contemporary History,
Media
Seit siebzig Jahren beschäftigt der Nahostkonflikt die globale Öffentlichkeit. Er scheint unlösbar, er erhitzt die Gemüter und ist in allen Medien präsent. Bilder vom Nahostkonflikt formen die Vorstellungen der Zuschauer*innen und Akteur*innen, die wiederum politisches Handeln mitbestimmen. Die Studie Hier und anderswo Palästina-Israel im essayistischen Film (1960-2010) fragt, wie sich die Kino- und Medienbilder von Israel-Palästina im letzten halben Jahrhundert gewandelt haben, und zeigt auf, wie diese Bilder selbst zum Bestandteil des Nahostproblems wurden. Der Autor analysiert dazu Filme von Regisseur*innen aus Frankreich und Israel-Palästina, die den Zusammenhang zwischen Bild und Politik ausdrücklich thematisieren. Es sind weder reine Spielfilme, noch reine Dokumentarfilme, sondern faszinierende Mischwesen, die in der Filmwissenschaft Essayfilme oder essayistische Filme genannt werden. Die ausgewählten filmischen Kunstwerke versuchen nicht die Wirklichkeit Israel-Palästinas direkt zu zeigen oder zu inszenieren, sondern über unseren Blick auf diese Wirklichkeit nachzudenken. Die Filmemacher*innen versuchen in ihren Filmessays Essay kommt vom französischen Wort für Versuch sichtbar zu machen, dass die Realität immer durch die subjektive Brille der Wahrnehmung und eine lange Kette von medialen Bildern geformt wird. Die Studie beschreibt, wie Filmemacher*innen mit den Mitteln des Kinos eingeschliffene Bilder Israel-Palästinas auf unterschiedliche Weise ver- flüssigen, und uns damit neue Sichtweisen, Emotionen und politische Handlungsperspektiven eröffnen. Zum ersten Mal wird der Blick des essayistischen Kinos auf das Nahostproblem in umfassender Weise thematisiert. Der Autor entwickelt im ersten Teil der Studie seine Fragestellung und Methoden und erörtert, was unter einem essayistischen Denken in Filmbildern zu verstehen ist. Der zweite Teil besteht aus der Analyse von vier filmischen Kraftfeldern: Zunächst untersucht Grabher Chris Markers Film über Israel Beschreibung eines Kampfes aus dem Jahr 1960. Zum ersten Mal wird die verwickelte Geschichte dieses Filmes, der jahrzehntelang nicht zu sehen war, rekonstruiert und dann mit dem Essayfilm Beschreibung einer Erinnerung des jungen israelischen Regisseurs Dan Geva verglichen. Zweitens wird der titelgebende Film Hier und anderswo (1976) von Jean-Luc Godard und Anne-Marie Miéville systematisch analysiert. Aus vielfältigen Quellen rekonstruiert Grabher erstmals den nie fertiggestellten Film Bis zum Sieg! (1969) von Jean-Luc Godard und Jean-Pierre Gorin, aus dem später Hier und anderswo wurde. Drittens untersucht er mit Ariella Azoulays The Angel of History (2000) und Udi Alonis Forgiveness (2006) zwei radikale Werke des aktuellen israelischen Kinos. Und mit Ula Tabaris Jinga48 (2009) und Elia Suleimans The Time That Remains (2009) wendet sich Grabher zuletzt zwei außergewöhnlichen Schlüsselwerken des aktuellen palästinensischen Kinos zu. Die Untersuchung dieser Beispiele erweist schließlich das ästhetische und politische Potential essayistischer Filmkunst: Diese Filme begründen eine andere Politik der Bilder, die davon ausgeht, dass wir nur über Interpretationen des Realen verhandeln können, nicht aber über objektive Abbilder Israel-Palästinas. Dadurch erlauben sie den Sehenden den Filmemacher*innen und den Zuschauer*innen , ihren Blick auf die Welt und damit auf sich selbst zu verwandeln.