Im Kalten Krieg der Spionage
Im Kalten Krieg der Spionage
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
-
Soviet history,
Stalinism,
Red Army,
Occupation,
Espionage,
Austria
Jahrzehntelang lag der Fall von Margarethe Ottillinger im Dunkel der Geschichte. Die Verhaftung und Verschleppung der jungen Wirtschaftsexpertin und Sektionschefin am Bundesminusterium für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung am 5. November 1948 an der Ennsbrücke bei St. Valentin erregte im Nachkriegsösterreich großes Aufsehen, doch die wahren Hintergründe blieben bis heute unbekannt. Margarethe Ottillinger selbst erfuhr bis zu ihrem Tod 1992 nicht, warum sie sieben Jahre lang in sowjetischen Gulag-Lagern und Gefängnissen verschwand und wem sie dies zu verdanken hatte. Stefan Karners Buch klärt diese offenen Fragen anhand neuer Materialien aus russischen Archiven: Dabei wird auch ein Bild von jener Person gezeichnet, die Ottillinger denunziert hat: dem Österreicher Alfred Fockler. Er war als amerikanischer Agent kurz vor Ottillinger ebenfalls in die Hände der Sowjets gefallen und wollte seinen Kopf aus der Schlinge ziehen, indem er Ottillinger schwer belastete. Zwei weitere Männer besiegelten Ottillingers Schicksal: Der russische Ingenieur Andrej Didenko, der sich in die junge Spitzenbeamtin verliebt hatte und dem sie zur Flucht in den Westsektor verhalf, und Minister Peter Krauland, ihr Chef, der tatenlos zusah, wie seine erste Mitarbeiterin entführt wurde. Stefan Karner hat als Autor des Buches die jahrzehntelang unter Verschluss gehaltenen KGB- Verhörprotokolle Ottillingers aufgearbeitet und dabei Namen und Aspekte aus Ottillingers Umfeld aufgedeckt, die bisher unbekannt waren. Anhand neuer Dokumente des KGB und westlicher Geheimdienste lässt sich Ottillingers Verschwinden als eine Verkettung politischer und menschlicher Komponenten rekonstruieren. Ottillingers Einsatz für den Wiederaufbau Österreichs mit Hilfe des amerikanischen Marshall-Plans und die geplante Reduzierung der Stahlzuteilungen für sowjetische Fabriken in Ostösterreich machten sie in der Zeit des Kalten Krieges für die Sowjets äußerst verdächtig und zu einer amerikanischen Spionin. Als mächtige, junge Frau, die innerhalb der österreichischen Bundesverwaltung viel Einfluss hatte und entsprechend in den Aufbaujahren auch viel Geld und Förderungen zu verteilen hatte, zog sie in einer von Männern dominierten Gesellschaft auch Neid und Missgunst auf sich: Meldungen an die sowjetische Besatzungsmacht waren die Folge. Und Ottillinger, die nie Angst zeigte, spielte tatsächlich mit dem Feuer: indem sie sich tief in die Netzwerke der Geheimdienste im Wien der Nachkriegszeit hineinwagte. Die Veröffentlichung dieses Buches in russischer Übersetzung durch den bedeutendsten russischen Verlag "Rospen" für historisch-wissenschaftliche Literatur ist ein besonderes Ereignis und zeigt den Fortschritt in der gemeinsamen Aufarbeitung auch dunkler Teile der bilateralen österreichisch- russischen Geschichte.