Geschichtsbilder. Künstlerische Historiografie der Gegenwart
The Art of History. Anachronic Interventions Since 1990
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (15%); Kunstwissenschaften (85%)
Keywords
-
Contemporary Art,
Historiography,
History,
Arth Theory,
Art History,
Art and Politics
Diese umfassende kunsthistorische Publikation präsentiert und analysiert die Darstellung und Konstruktion von Geschichte in der jüngeren Gegenwartskunst. Künstlerische Arbeiten tragen maßgeblich zur kritischen Auseinandersetzung mit Geschichtsschreibung bei, insbesondere durch die aktive Produktion und Gestaltung nicht nur neuer Erzählungen, sondern auch neuer Konzepte zur Strukturierung von Zeit und Geschichte. Unter den verschiedenen methodischen Elementen und Instrumenten künstlerischer Arbeiten ist Anachronie von großer Bedeutung: die Herauslösung von Dingen, Ereignissen oder Akteur/innen aus der ihnen zugeordneten Zeit und die Fähigkeit, miteinander unvereinbare Zeitlichkeiten in Spannung zu halten. Anachronie verbindet historiographischen Ethos mit experimentellen Ansätzen der Geschichtsdarstellung. Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Entstehung der historischen Wissenschaften an der Schnittstelle von Kunst, Philosophie, Politik und Wissenschaft. Um die festgefahrene Opposition zwischen akademischer und künstlerischer Geschichte zu überwinden, zielt die Publikation auf eine gründliche methodische Überprüfung des Beitrags von Kunstwerken zur Geschichtsdarstellung und zur Reflexion ihrer theoretischen Grundlagen ab. Es geht darum, ihre Bedeutung zur Schaffung von historischer Erfahrung und historischem Bewusstsein als Grundlage gesellschaftlicher Identität und politischer Handlungsmacht herauszustreichen. Das Buch untersucht eine Reihe von Kunstwerken seit den 1990er Jahren, die für die Entwicklung neuer Konzepte der Geschichtsschreibung beispielhaft sind: Sie stammen von Harun Farocki und Andrei Ujica, Tacita Dean, Erika Tan, Bouchra Khalili, Walid Raad, Matthew Buckingham, Dierk Schmidt, Amar Kanwar, Zarina Bhimji, Omer Fast, Wendelien van Oldenborgh, Apichatpong Weerasethakul, Michael Blum, Yael Bartana, Andrea Geyer, Philippe Parreno und Liam Gillick, Hiwa K, Deimantas Narkevicius und Kader Attia. Eingehende Auseinandersetzungen mit ihren Werken bilden die Grundlage für Analysen entlang der methodischen Grundschritte der Geschichtstheorie. Die Beiträge von Historikern wie Wilhelm von Humboldt, Gustav Droysen und Wilhelm Dilthey zur Entwicklung der frühen Geschichtswissenschaft sind dabei ebenso wichtig wie deren Kritik durch Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, darunter Walter Benjamin und Siegfried Kracauer, sowie die parallel verlaufende Neubewertung der Geschichtswissenschaft entlang von Ethnographie und Soziologie. Auf diese Weise wird Geschichtsdarstellung als ein auch politisch umstrittenes, verschiedenste Akteur/innen, Themen, Medien, Institutionen und Kommunikationsformen umfassendes Projekt dargestellt. Innerhalb dieses Terrains leisten künstlerische Arbeiten einen besonderen Beitrag. Sie wirken Vorstellungen vom Ende der Geschichte entgegen und öffnen die Gegenwart für historisches Bewusstsein, und damit auch für die Möglichkeit zu ihrer Veränderung.