Ein provinzialrömischer Kultplatz auf der Gradisce
A Roman provincial cult site on Gradisce
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Naturwissenschaften (10%); Geschichte, Archäologie (90%)
Keywords
-
Roman archaeology,
Cave,
Noricum,
Cult Site,
Mithras,
Remains Of Material Culture
Die Publikation präsentiert Forschungsergebnisse, die im Rahmen der wissenschaftlichen Bearbeitung eines außergewöhnlichen Fundplatzes bei St. Egyden in Kärnten (Österreich) erzielt werden konnten. In der auf dem Hügel Gradišce gelegenen kleinen Höhle wurde eine mächtige Ascheschicht ausgegraben, die zahlreiche Scherben römerzeitlicher Keramikgefäße und Tierknochen enthielt. Außerdem wurde in und um die Höhle eine große Menge (328 Stück) römischer Münzen entdeckt. Die wissenschaftliche Auswertung hat gezeigt, dass es sich bei der Fundstelle um einen Kultplatz und bei den Funden um Überreste von Kultmahlen und Opfergaben handelt. Besonders bemerkenswerte Funde sind eine Stierfigur und Gefäße aus Keramik, die mit plastischen Schlangen verziert sind. Kleine Keramiklampen weisen darauf hin, dass die Kultfeiern nachts stattgefunden haben. Die Gefäße und Tierknochen zeigen, dass bei diesen Feiern viel Wein getrunken und vor allem Geflügel und Ferkel verspeist wurden. Das Fundmaterial, insbesondere die Münzen, lassen darauf schließen, dass der Kultplatz vom mittleren oder ausgehenden 2. bis in das beginnende 5. Jahrhundert n. Chr. benutzt wurde. Bei den Ausgrabungen auf der Gradišce wurde keine Inschrift, die eine Gottheit anführt, und kein Kultbild, das eine Gottheit darstellt, gefunden. Deshalb lässt sich keine eindeutige Aussage darüber machen, welche Gottheit hier verehrt wurde. Die wissenschaftliche Bearbeitung hat aber gezeigt, dass Fundplatz und Fundspektrum sehr gut mit anderen Kulthöhlen im Römischen Reich übereinstimmen, für die Inschriften und/oder Reliefs die Ausübung der Mysterien des Mithras bezeugen. Es ist deshalb naheliegend, dass Mithras die Gottheit war, deren Kult in der kleinen Höhle auf der Gradišce praktiziert wurde. Antike Mysterienreligionen zeichnen sich durch Geheimhaltung und die Verschwiegenheit ihrer Mitglieder aus, weshalb nur wenig über die Kultpraxis bekannt ist. Detailliertere Vorstellungen über die Zusammenkünfte einer kleinen ländlichen Anhängerschaft des Mithras in einem Naturheiligtum im Süden der römischen Provinz Noricum konnten nun erstmals durch die vorliegende Auswertung archäologischer Befunde und Funde entwickelt werden.