Erweiterte Choreographien / Choreographische Geschichten
Expanded choreographies / Choreographic histories
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (100%)
Keywords
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Expanded Choreography,
The Non-Human In Choreography,
Choreographic History,
The Non-Kinetic In Choreography,
Macro-Historiography In Dance Studies
Im frühen 21. Jh. tauchte der Begriff expanded choreography (erweiterte Choreografie) im zeitgenössischen Tanz in Kontinentaleuropa vermehrt auf. Obwohl keine eindeutige Definition des Begriffs existiert, bezieht sich expanded choreography oft auf choreografische Praktiken, bei denen es nicht um das Schaffen von Tanz geht oder die nicht mit menschlichen Körpern in Bewegung arbeiten: Einige Choreograf:innen interessieren sich zum Beispiel für Bewegung im urbanen Raum, während andere hinterfragen, wie sich Objekte oder Klänge choreografieren lassen. Während dies wie eine Transformation oder sogar ein Verrat an Choreografie erscheinen mag, stellt man bei einem Blick in die Geschichte des Wortes Choreografie fest, dass dieser nicht immer T anz schaffen bedeutete. Als der Begriff im frühen 18. Jh. auftauchte, bezog er sich zuerst auf Tanznotation, dann auf Dramaturgie und später auf Komposition erst im 20. Jh. wurde er eng mit sich bewegenden Körpern verbunden. Dieses Buch erforscht, welche Verbindungen zwischen historischen Praktiken des Choreografierens, die nicht nur mit Tanz oder sich bewegenden menschlichen Körpern in Zusammenhang stehen, und zeitgenössischen Praktiken einer expanded choreography, gefunden werden können. Sowohl in der Praxis als auch in der Theorie des Tanzes wird der historische Hintergrund der expanded choreography nicht vollständig verstanden. Das führt dazu, dass sie als ein zeitgenössisches Phänomen dargestellt wird, das sich von der Vergangenheit loszulösen versucht. Im Gegensatz dazu, wird in diesem Buch argumentiert, dass heutige erweiterte Praktiken als Teil einer gemeinsamen langfristigen (Makro-) Geschichte verstanden werden können. Um Verbindungen zwischen vergangenen und gegenwärtigen expanded chor eographies zu identifizieren, analysiert und vergleicht das Buch neun Beispiele aus verschiedenen Perioden der europäischen Tanzgeschichte. Drei darunter ein Traktat über die Tanznotation, durch die Tänze schriftlich festgehalten werden konnten stammen aus der Zeit vor dem 18. Jh., als das Wort Choreografie noch nicht in Gebrauch war oder noch nicht seine zeitgenössische(n) Bedeutung(en) hatte. Drei weitere Beispiele darunter eine Arbeit, in der ein Künstler Bäume choreografierte stammen aus jüngster Zeit, als der Begriff expanded choreography aufkam. So unterschiedlich diese Beispiele und ihre Kontexte auch sein mögen, das Buch findet Resonanzen und Verbindungen zwischen ihnen. Die letzten drei Beispiele stammen aus dem 20. Jh., als die Verknüp fung von Choreografie mit Tanz-schaffen und bewegten Körpern ihren Höhepunkt erreichte. Hier stellt das Buch Herangehensweisen vor, die sich der allgegenwärtigen Verknüpfung von Choreografie und bewegtem Körper widersetzen zum Beispiel eine Gruppe von Künstler:innen, die imaginäre Choreografien herstellte. Dadurch wurden erweiterte Aspekte in der bewegungs - und körperfokussierten Tanzmoderne eingeführt.