Spectatoriale Geschlechterkonstruktionen
Spectatorial Gender Constructions
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (25%); Soziologie (25%); Sprach- und Literaturwissenschaften (50%)
Keywords
-
Spectators,
Enlightenment,
18th century,
France,
gender,
Spain
Kommunikationsmedien verbreiten Vorstellungen von der Welt und sind wesentlich an der Herstellung von (kulturellem) Wissen beteiligt. Das gilt sowohl für die digitalen Medien von heute als auch für die Medien der vergangenen Jahrhunderte, wie Literatur, Fernsehen, Film, Zeitung etc. Meist sind die me- dial verbreiteten Diskurse stark vereinfacht und vermitteln stereotype Bilder von Räumen oder Grup- pen. Gerade im 18. Jahrhundert entwickeln sich viele Stereotype, die bis heute geläufig sind, wie z. B. jene der Nationen oder jene der natürlichen Geschlechterdifferenzen. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich die Publikation mit der Produktion und Speicherung von ste- reotypen Diskursen über Frauen und Männer innerhalb der Zeitschriftengattung der Moralischen Wo- chenschriften. Sie stellen ein breitenwirksames Medium dar, das ausgehend vom englischen Prototyp The Spectator (1711-1714) in der gesamten europäisch geprägten Welt gern gelesen wird. Infolgedes- sen begünstigen die Wochenschriften mit ihren spectatorialen Geschlechterdiskursen die transkultu- relle Zirkulation eines sich im 18. Jahrhundert im Wandel befindlichen Geschlechterverständnisses, das sie unter die sich ausbildende bürgerliche Schicht bringen. Die Studie zeigt, dass die Moralischen Wochenschriften in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts dazu beitragen, die Auffassung einer natürlichen Geschlechterdifferenz zu verbreiten, die vor allem zusam- men mit einem Wissen um geschlechtsspezifische charakterliche und körperliche Unterschiede auf- tritt. Ab Mitte des Jahrhunderts wird der Differenzdiskurs um den Aspekt der Komplementarität er- weitert, mit dem Frau und Mann schließlich als sich gegenseitig ergänzende Einheit entworfen werden. Aufgrund ihrer angeblichen Nähe zur Natur wird die Frau in diesem Komplementaritätsdiskurs hierar- chisch unter die Autorität des Mannes gestellt, dessen angenommene höhere Vernunftfertigkeit auf- gewertet wird. In den französisch- und spanischsprachigen Wochenschriften werden die Differenz- und Komplementaritätsdiskurse vor allem anhand von Erzählungen über tugendhafte und lasterhafte Frauen und Männern vermittelt. So zum Beispiel werden beständig nachahmungswürdige geschlech- terstereotype (Rollen-)Bilder wie jene der fürsorglichen Gattin, Ehefrau und Mutter gepriesen und ab- schreckende geschlechterstereotype (Rollen-)Bilder wie jene der Koketten oder des verweiblichten Mannes verunglimpft. Insgesamt gibt die Studie Aufschluss über die Entstehung der modernen Geschlechterdiskurse und -konstruktionen anhand der Moralischen Wochenschriften. Sie bietet nicht nur einen Einblick in die stereotypen Geschlechterdiskurse der entstehenden bürgerlichen Kultur im 18. Jahrhundert, son- dern informiert auch über lokale Besonderheiten innerhalb des französisch- und spanischsprachigen Kontextes der Zeit.