Über die Ränder zum Kern
Exploring the Core Through the Margins
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Sozialwissenschaften (25%); Geschichte, Archäologie (25%); Philosophie, Ethik, Religion (50%)
Keywords
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Middle East,
Islamic Studies,
Christians in the Middle East,
Syriac Christians,
Islamism
Dieses vom FWF finanzierte Elise Richter-Stipendium beschäftigt sich mit zwei weniger bekannten und vernachlässigten Aspekten des Nahen Ostens: eine christliche Gemeinschaft sowie islamische Ansichten zu den Christen des Nahen Ostens. In einem ersten Schritt werde ich mich mit dem Wiederaufbau der syrisch-orthodoxen Gemeinschaft im Libanon (1918-1982) befassen. Unter den Christen des Nahen Ostens gelten diese Christen auch Jakobiten oder Monophysiten genannt als besonders bedroht. Ein gewisser Nimbus umhüllt sie, da sie bis heute die syrisch-aramäische Sprache in ihrer Liturgie verwenden. Weniger bekannt ist, dass die Syrer-Orthodoxen bis zum Ersten Weltkrieg vor allem in der Südost Türkei lebten (damals das Osmanische Reich), wo sie vom Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Gruppen ab 1915 schwer betroffen waren. Nach dem Krieg konnten sich die Überlebenden jedoch in den neuen Nationalstaaten des Nahen Ostens, darunter im Libanon, eine erfolgreiche Existenz wiederaufbauen. Gleichzeitig gestaltete sich die Stellung der Syrer Orthodoxen im Libanon teilweise schwierig, da sie um die volle Ankerkennung und Zugehörigkeit zum libanesischen Nationalstaat kämpfen mussten. Somit wird die moderne Geschichte der Syrer Orthodoxen im Libanon unser Verständnis der modernen Nationalstaatbildung im Nahen Osten und der besonderen Herausforderung, die sich durch den Umgang mit der religiösen und ethnischen Vielfalt ergeben, erweitern. In einem weiteren Schritt wird sich dieses Projekt mit einem ebenfalls kaum bekannten und von der Wissenschaft vernachlässigten Thema auseinandersetzen: gegenwärtige islamistiche Haltungen gegenüber den Christen des Nahen Ostens. Eine wichtige Frage dabei, die nicht nur die Wissenschaft beschäftigt, ist jene, ob und unter welchen Umständen, islamistische Parteien und Bewegungen ihre ideologischen Ansätze (vor allem das Streben nach einer islamischen Ordnung) mäßigen können. Ihr Umgang mit den christlichen Gemeinschaften in ihren Ländern, sei es Ägypten, Libanon oder Jordanien, kann dabei sehr symptomatisch sein, denn die Christen stellen wichtige politische Instrumente dar, die es Islamisten ermöglichen, staatsmännisch aufzutreten. Der Fokus auf nicht- islamische Thematiken (die islamistische Haltungen gegenüber den orientalischen Christen) ermöglicht es somit, Kernelemente des Islams zu beleuchten, nämlich die kontinuierlichen Diskussionen um den vermeintlich richtigen Umgang mit dem islamischen Erbe und die Errichtung einer idealen islamischen Gesellschaft.
- Universität Wien - 100%