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Erzähltes Jüdisch-Sein im Iran: eine vergleichende Studie

Narratives of Being Jewish in Iran: A comparative study

Ariane T. Sadjed (ORCID: 0000-0003-0933-6830)
  • Grant-DOI 10.55776/T1004
  • Förderprogramm Hertha Firnberg
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.10.2018
  • Projektende 31.08.2022
  • Bewilligungssumme 234.210 €

Wissenschaftsdisziplinen

Soziologie (25%); Sprach- und Literaturwissenschaften (75%)

Keywords

    Diaspora, Iranian Jews, Jewish-Muslim relations, Jews in Muslim majority countries, History of Iran, Religious and ethnic identity

Abstract Endbericht

Im Iran lebt die größte jüdische Diaspora-Gemeinde des Nahen und Mittleren Ostens. Allerdings ist die community im 20. Jahrhundert stark geschrumpft. Die Diversität jüdisch-muslimischer Beziehungen im Iran wurde zunehmend auf Konflikte reduziert. Die vorliegende Studie basiert auf Biographien jüdischer Iraner und Iranerinnen in Israel, Deutschland, dem Iran und den USA, um mehr Nouancen in das Bild jüdischen Lebens im Iran zu bringen, bevor es endgültig der Vergangenheit angehört. Der Fokus liegt auf der Ambivalenz und Flexibilität jüdisch-muslimischer Interaktionen sowie den gesellschaftlichen Faktoren, unter denen konstruktive Beziehungen gedeihen konnten. Der zweite Fokus des Projekt richtet sich darauf, wie sich religiöse und ethnische Identität durch die Migration verändern. Der Vergleich der vier Länder wird den Einfluss unterschiedlicher nationaler Kontexte auf die jüdisch-iranischen communities zeigen und die Gemeinsamkeiten und Differenzen einer spezifischen, aber doch sehr diversen Gruppe deutlich machen. Die angewandte Methode ist Biografieforschung anhand von Daten, die durch Feldforschung (semistrukturierte biographische Interviews und Teilnehmende Beobachtung) und aus bestehenden Oral History Archiven gewonnen werden. Die Interviews werden nicht zeigen, wie es wirklich war. Vielmehr sagen sie etwas darüber aus, wie Geschichte erzählt wird und wie sich Individuen durch diese Narrative zu verschiedenen ethnischen und religiösen Zugehörigkeiten positionieren. Die Auswertung der Interviews wird in einer Publikation münden, die erstmalig empirische Belege aus den Vereinigten Staaten, dem Iran, Israel und Deutschland vereint. Jüdisch-islamische Beziehungen im Iran wurden bisher hauptsächlich anhand von Archivmaterial untersucht. Der Schwerpunkt dieser Studie liegt jedoch auf erzählten Alltagspraktiken. Dadurch werden neue Ergebnisse über den Umgang mit dem Religiösen im Iran gewonnen darunter auch Praktiken ritueller Unreinheit, die als eine der Hauptursachen von Diskriminierung gegen Juden im Iran gelten. Diskriminierungserfahrungen werden durch positive Erfahrungen nicht abgeschwächt. Dennoch stellt der Fokus auf positive Interaktionen in einem Kontext, in dem Differenzen zwischen Juden und Muslimen sich immer mehr verhärten, eine notwendige Balance dar. Zudem weicht das Projekt von gängigen Studien ab, die iranische Juden auf ihren Status als religiöse oder ethnische Gemeinschaft reduzieren, sondern begreift ihre Handlungsspielräume als das Ergebnis einer Vielzahl konkurrierender Identiäten sowie sozialer, kultureller und religiöser Spannungen, die zwischen einem Individuum und verschiedenen sozialen Gruppen existierten.

Wer oder was sind persische Juden und was können wir aus ihrer Geschichte lernen? Im heutigen Iran gibt es seit fast 3000 Jahren jüdische Gemeinden. Erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist der Großteil von ihnen ausgewandert, hauptsächlich in die USA oder nach Israel. Als Juden, die in einer islamischen Kultur lebten und von dieser geprägt wurden, befinden sie sich in einer besonderen Position: einerseits stehen sie unter Druck, sich zu positionieren und können aufgrund der politischen Konflikte in der Region nicht mehr in den Iran zurückkehren. Aber ihre Geschichte hat auch Potenzial: Juden und Muslime lebten vielleicht nicht immer friedlich zusammen, aber historisch gesehen gab es eine Bandbreite von Kontakten und gegenseitigem Austausch auf wirtschaftlicher, religiöser und kultureller Ebene. Diese Geschichte(n) zu erforschen erlaubt uns zu sehen, dass aktuelle Vorstellungen von "Juden" und "Muslimen" nicht notwendiger Weise repräsentativ sind, sondern dass diese Kategorien durchaus divers und historisch veränderbar sind. Das Projekt verfolgte daher zwei Ebenen: eine historische, durch die der Alltag und die Erfahrung jüdischer Menschen im Iran beleuchtet wurde und eine zeitgenössische, die zeigt, wie sich iranisch-jüdische communities nach ihrer Emigration aus dem Iran entwickelt haben. Die Kombination von historischen und anthropologischen Ansätzen erlaubt es, Prozesse der Erinnerungsbildung zu beleuchten: welche Aspekte iranisch-jüdischer Geschichte werden verdrängt oder geraten in Vergessenheit, weil sie modernen Vorstellung von "Jüdisch-Sein" nicht entsprechen? Welche Aspekte treten besonders in den Vordergrund? Durch den Vergleich iranisch-jüdischer Communities im Iran, in Israel und den USA konnte gezeigt werden, wie unterschiedliche nationale Kontexte, aber auch transnational wirksame Diskurse zu jüdischer Identität die Erinnerungsbildung und Identifikation dieser Communities beeinflussen. Nicht zuletzt stellt dieses Projekt daher auch den Versuch dar, einen Teil jüdischer Geschichte aus einer umkämpften Region zu bewahren, die aufgrund politischer Polarisierung droht, in Vergessenheit zu geraten.

Forschungsstätte(n)
  • Österreichische Akademie der Wissenschaften - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • David Yeroushalmi, Tel Aviv University - Israel
  • Arzoo Osanloo, University of Washington - Vereinigte Staaten von Amerika

Research Output

  • 7 Zitationen
  • 4 Publikationen
  • 1 Policies
  • 6 Disseminationen
  • 4 Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 3 Weitere Förderungen
Publikationen
  • 2022
    Titel Introduction
    DOI 10.1080/14725886.2022.2090234
    Typ Journal Article
    Autor Sadjed A
    Journal Journal of Modern Jewish Studies
    Seiten 237-243
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Negotiating the Religious in Contemporary Everyday Life in the “Islamic World”
    DOI 10.17875/gup2021-1596
    Typ Book
    editors Loimeier R
    Verlag Universitatsverlag Gottingen
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Conversion, Identity, and Memory in Iranian-Jewish Historiography: The Jews of Mashhad
    DOI 10.1017/s0020743821000039
    Typ Journal Article
    Autor Sadjed A
    Journal International Journal of Middle East Studies
    Seiten 235-251
  • 2021
    Titel Belonging from afar. Diasporic religiosity among the Jews of Mashhad
    DOI 10.1080/01419870.2021.1986630
    Typ Journal Article
    Autor Sadjed A
    Journal Ethnic and Racial Studies
    Seiten 2202-2222
Policies
  • 2022
    Titel Connecting Iran, Israel, US in conceptual research, use of sources and individuals involved in research
    Typ Influenced training of practitioners or researchers
Disseminationen
  • 2022 Link
    Titel media appearance
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
    Link Link
  • 2019
    Titel Talk at Jewish Center for Adult Education
    Typ A talk or presentation
  • 2019
    Titel Talk
    Typ A talk or presentation
  • 2022 Link
    Titel Youtube channel
    Typ Engagement focused website, blog or social media channel
    Link Link
  • 2021
    Titel Talk
    Typ A talk or presentation
  • 2022
    Titel Panel organization
    Typ A formal working group, expert panel or dialogue
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2021
    Titel International Conference "Across Borders and Boundaries. Jewish Be-longings across the Mediterranean and Beyond." Ca'Foscari University of Venice.
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2021
    Titel Consumerism as a Civilizational Discourse? Challenges in understanding modern Iranian selves, Lecture at the Doctoral Department in Asian and North African Studies, Ca' Foscari University of Venice
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2020
    Titel Religious Minorities among the Iranian Diaspora - Shifting ethnic and religious identifications, Digital Spring School "Cultural Identities and language maintenance: Comparing Hispanic and Iranian Communities in the US and Germany", University of Cologne
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2020
    Titel Associate Fellow
    Typ Awarded honorary membership, or a fellowship, of a learned society
    Bekanntheitsgrad National (any country)
Weitere Förderungen
  • 2024
    Titel Judæo-Persian and Persian Textual Landscapes: Towards an Intellectual History of Medieval Iranian Jewry
    Typ Fellowship
    Förderbeginn 2024
    Geldgeber The Israel Institute for Advanced Studies
  • 2021
    Titel Conference Funding
    Typ Travel/small personal
    Förderbeginn 2021
    Geldgeber Fritz Thyssen Foundation
  • 2024
    Titel Consolidator Grant - Persianate Jews: Mobility, Community, Memory
    Typ Research grant (including intramural programme)
    Förderbeginn 2024
    Geldgeber European Research Council (ERC)

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