Erzähltes Jüdisch-Sein im Iran: eine vergleichende Studie
Narratives of Being Jewish in Iran: A comparative study
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (25%); Sprach- und Literaturwissenschaften (75%)
Keywords
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Diaspora,
Iranian Jews,
Jewish-Muslim relations,
Jews in Muslim majority countries,
History of Iran,
Religious and ethnic identity
Im Iran lebt die größte jüdische Diaspora-Gemeinde des Nahen und Mittleren Ostens. Allerdings ist die community im 20. Jahrhundert stark geschrumpft. Die Diversität jüdisch-muslimischer Beziehungen im Iran wurde zunehmend auf Konflikte reduziert. Die vorliegende Studie basiert auf Biographien jüdischer Iraner und Iranerinnen in Israel, Deutschland, dem Iran und den USA, um mehr Nouancen in das Bild jüdischen Lebens im Iran zu bringen, bevor es endgültig der Vergangenheit angehört. Der Fokus liegt auf der Ambivalenz und Flexibilität jüdisch-muslimischer Interaktionen sowie den gesellschaftlichen Faktoren, unter denen konstruktive Beziehungen gedeihen konnten. Der zweite Fokus des Projekt richtet sich darauf, wie sich religiöse und ethnische Identität durch die Migration verändern. Der Vergleich der vier Länder wird den Einfluss unterschiedlicher nationaler Kontexte auf die jüdisch-iranischen communities zeigen und die Gemeinsamkeiten und Differenzen einer spezifischen, aber doch sehr diversen Gruppe deutlich machen. Die angewandte Methode ist Biografieforschung anhand von Daten, die durch Feldforschung (semistrukturierte biographische Interviews und Teilnehmende Beobachtung) und aus bestehenden Oral History Archiven gewonnen werden. Die Interviews werden nicht zeigen, wie es wirklich war. Vielmehr sagen sie etwas darüber aus, wie Geschichte erzählt wird und wie sich Individuen durch diese Narrative zu verschiedenen ethnischen und religiösen Zugehörigkeiten positionieren. Die Auswertung der Interviews wird in einer Publikation münden, die erstmalig empirische Belege aus den Vereinigten Staaten, dem Iran, Israel und Deutschland vereint. Jüdisch-islamische Beziehungen im Iran wurden bisher hauptsächlich anhand von Archivmaterial untersucht. Der Schwerpunkt dieser Studie liegt jedoch auf erzählten Alltagspraktiken. Dadurch werden neue Ergebnisse über den Umgang mit dem Religiösen im Iran gewonnen darunter auch Praktiken ritueller Unreinheit, die als eine der Hauptursachen von Diskriminierung gegen Juden im Iran gelten. Diskriminierungserfahrungen werden durch positive Erfahrungen nicht abgeschwächt. Dennoch stellt der Fokus auf positive Interaktionen in einem Kontext, in dem Differenzen zwischen Juden und Muslimen sich immer mehr verhärten, eine notwendige Balance dar. Zudem weicht das Projekt von gängigen Studien ab, die iranische Juden auf ihren Status als religiöse oder ethnische Gemeinschaft reduzieren, sondern begreift ihre Handlungsspielräume als das Ergebnis einer Vielzahl konkurrierender Identiäten sowie sozialer, kultureller und religiöser Spannungen, die zwischen einem Individuum und verschiedenen sozialen Gruppen existierten.
Wer oder was sind persische Juden und was können wir aus ihrer Geschichte lernen? Im heutigen Iran gibt es seit fast 3000 Jahren jüdische Gemeinden. Erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist der Großteil von ihnen ausgewandert, hauptsächlich in die USA oder nach Israel. Als Juden, die in einer islamischen Kultur lebten und von dieser geprägt wurden, befinden sie sich in einer besonderen Position: einerseits stehen sie unter Druck, sich zu positionieren und können aufgrund der politischen Konflikte in der Region nicht mehr in den Iran zurückkehren. Aber ihre Geschichte hat auch Potenzial: Juden und Muslime lebten vielleicht nicht immer friedlich zusammen, aber historisch gesehen gab es eine Bandbreite von Kontakten und gegenseitigem Austausch auf wirtschaftlicher, religiöser und kultureller Ebene. Diese Geschichte(n) zu erforschen erlaubt uns zu sehen, dass aktuelle Vorstellungen von "Juden" und "Muslimen" nicht notwendiger Weise repräsentativ sind, sondern dass diese Kategorien durchaus divers und historisch veränderbar sind. Das Projekt verfolgte daher zwei Ebenen: eine historische, durch die der Alltag und die Erfahrung jüdischer Menschen im Iran beleuchtet wurde und eine zeitgenössische, die zeigt, wie sich iranisch-jüdische communities nach ihrer Emigration aus dem Iran entwickelt haben. Die Kombination von historischen und anthropologischen Ansätzen erlaubt es, Prozesse der Erinnerungsbildung zu beleuchten: welche Aspekte iranisch-jüdischer Geschichte werden verdrängt oder geraten in Vergessenheit, weil sie modernen Vorstellung von "Jüdisch-Sein" nicht entsprechen? Welche Aspekte treten besonders in den Vordergrund? Durch den Vergleich iranisch-jüdischer Communities im Iran, in Israel und den USA konnte gezeigt werden, wie unterschiedliche nationale Kontexte, aber auch transnational wirksame Diskurse zu jüdischer Identität die Erinnerungsbildung und Identifikation dieser Communities beeinflussen. Nicht zuletzt stellt dieses Projekt daher auch den Versuch dar, einen Teil jüdischer Geschichte aus einer umkämpften Region zu bewahren, die aufgrund politischer Polarisierung droht, in Vergessenheit zu geraten.
- David Yeroushalmi, Tel Aviv University - Israel
- Arzoo Osanloo, University of Washington - Vereinigte Staaten von Amerika
Research Output
- 7 Zitationen
- 4 Publikationen
- 1 Policies
- 6 Disseminationen
- 4 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 3 Weitere Förderungen
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2022
Titel Introduction DOI 10.1080/14725886.2022.2090234 Typ Journal Article Autor Sadjed A Journal Journal of Modern Jewish Studies Seiten 237-243 Link Publikation -
2021
Titel Negotiating the Religious in Contemporary Everyday Life in the “Islamic World” DOI 10.17875/gup2021-1596 Typ Book editors Loimeier R Verlag Universitatsverlag Gottingen Link Publikation -
2021
Titel Conversion, Identity, and Memory in Iranian-Jewish Historiography: The Jews of Mashhad DOI 10.1017/s0020743821000039 Typ Journal Article Autor Sadjed A Journal International Journal of Middle East Studies Seiten 235-251 -
2021
Titel Belonging from afar. Diasporic religiosity among the Jews of Mashhad DOI 10.1080/01419870.2021.1986630 Typ Journal Article Autor Sadjed A Journal Ethnic and Racial Studies Seiten 2202-2222
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2022
Titel Connecting Iran, Israel, US in conceptual research, use of sources and individuals involved in research Typ Influenced training of practitioners or researchers
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2022
Link
Titel media appearance Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2019
Titel Talk at Jewish Center for Adult Education Typ A talk or presentation -
2019
Titel Talk Typ A talk or presentation -
2022
Link
Titel Youtube channel Typ Engagement focused website, blog or social media channel Link Link -
2021
Titel Talk Typ A talk or presentation -
2022
Titel Panel organization Typ A formal working group, expert panel or dialogue
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2021
Titel International Conference "Across Borders and Boundaries. Jewish Be-longings across the Mediterranean and Beyond." Ca'Foscari University of Venice. Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2021
Titel Consumerism as a Civilizational Discourse? Challenges in understanding modern Iranian selves, Lecture at the Doctoral Department in Asian and North African Studies, Ca' Foscari University of Venice Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2020
Titel Religious Minorities among the Iranian Diaspora - Shifting ethnic and religious identifications, Digital Spring School "Cultural Identities and language maintenance: Comparing Hispanic and Iranian Communities in the US and Germany", University of Cologne Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2020
Titel Associate Fellow Typ Awarded honorary membership, or a fellowship, of a learned society Bekanntheitsgrad National (any country)
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2024
Titel Judæo-Persian and Persian Textual Landscapes: Towards an Intellectual History of Medieval Iranian Jewry Typ Fellowship Förderbeginn 2024 Geldgeber The Israel Institute for Advanced Studies -
2021
Titel Conference Funding Typ Travel/small personal Förderbeginn 2021 Geldgeber Fritz Thyssen Foundation -
2024
Titel Consolidator Grant - Persianate Jews: Mobility, Community, Memory Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2024 Geldgeber European Research Council (ERC)