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Europas (un)sichtbare jüdische Migranten

Europe´s (In)Visible Jewish Migrants

Piera Rossetto (ORCID: 0000-0002-2904-1290)
  • Grant-DOI 10.55776/T1024
  • Förderprogramm Hertha Firnberg
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.10.2018
  • Projektende 31.01.2022
  • Bewilligungssumme 234.210 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Soziologie (30%); Sprach- und Literaturwissenschaften (70%)

Keywords

    Jew, MIgration, Sephardi, Europe, Postcolonial, Arab

Abstract Endbericht

Ende der 60er bis Mitte der 70 Jahre des vorigen Jahrhunderts lebten noch Tausende Juden im Mittleren Osten sowie in Nordafrika (MENA-Region). Ihrer Präsenz in dieser Region wurde jedoch durch Ereignisse, die das gesamte Gebiet destabilisierten, ein Ende gesetzt: koloniale und postkoloniale Spannungen, der aufkommende arabische Nationalismus und der Sechstagekrieg zwischen Israel und arabischen Staaten 1967. Seit den 1950er Jahren verließen Juden jene Staaten, in denen sie jahrhundertelang gelebt hatten, und viele wählten Europa, um ein neues Leben zu beginnen, entweder weil sie Staatsbürger eines europäischen Staates waren oder weil sie sich selbst aufgrund ihrer kulturellen und sprachlichen Zugehörigkeit als Europäer betrachteten. Sie überquerten aber nicht alleine das Mittelmeer in jenen Jahrzehnten. Denn tatsächlich wurde in Folge der Entkolonialisierungsbewegungen eine beträchtliche Anzahl von Europäern und Nichteuropäern von ehemaligen Kolonien, einschließlich Nordafrika, in ihre europäischen Heimatländer zurückgeschickt. Trotz der Größenordnung dieses Phänomens blieb die Auswirkung, die diese Rückwanderungen auf die Migranten selbst und auf deren Gastländer in Europa hatte, bis vor Kurzem ein weitgehend unsichtbares Thema in der wissenschaftlichen Literatur. Angelehnt an diese in der europäischen Geschichte lange vernachlässigte Frage, beschäftigt sich Europas (Un)Sichtbare Jüdische Migranten mit den jüdischen Abwanderungen aus der MENA-Region nach Europa während der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts und behandelt folgende Fragen: Wie sichtbar oder unsichtbar sind die jüdischen Migrationsbewegungen von Nordafrika und vom Mittleren Osten nach Europa in der wissenschaftlichen Forschung? Ist es überhaupt möglich, die Konsequenzen auf die Migranten selbst, als auch auf die Gastgebergesellschaften (Staaten und jüdische Gemeinden) einzuschätzen? Das Ziel des Projekts ist es, die Auswirkung, die die Ankunft der Juden aus der MENA-Region auf die gastgebenden europäischen jüdischen Gemeinschaften hatte, zu beurteilen. Um dieses Ziel auf eigenständige Art und Weise zu erreichen, untersucht das Projekt die bislang unerforschte Frage der jüdischen Migrationsbewegungen von arabisch-muslimischen Ländern nach Italien, mit besonderem Augenmerk auf die Veränderungen im italienischen Judentum in Bezug auf Demographie, Gemeinschaftsstrukturen, religiöse Praxis. Einerseits wird das Projekt jüdische Studien voranbringen, indem es ein vollständigeres Bild der vielfachen möglichen Wege wiedergibt, wie Judaismus im heutigen Europa gelebt werden kann. Andererseits erlaubt uns die Erforschung dieser Migrationen die sozialen und kulturellen Verflechtungen zwischen Europa und der MENA-Region und deren dauerhafte Vermächtnisse zu entschleiern. Diese Forschung ist gegenwärtig besonders wichtig, da die Vorstellung und Geschichte europäischer Integration, die die vielfältige religiöse, ethische und kulturelle Zugehörigkeit als einen Umstand fördert, der Integration bei gleichzeitiger Achtung der Vielfalt ermöglicht, in Frage gestellt werden.

Weniger als zwei Zeilen auf einem halben Blatt Papier: "Profuga egiziana conoscenza perfetta inglese, francese, spagnolo, offresi per bambini dama di compagnia. Signora C., Telefono" (Fondo comunità ORT, Profughi Egitto 1956-1962, Archivio storico della Fondazione CDEC, Milan). Es handelt sich wahrscheinlich um eine Notiz, die in der Rubrik "Kleine Ankündigungen" des Bollettino, der Hauptzeitschrift der jüdischen Gemeinde Mailand, veröffentlicht werden sollte. Eine Ägypterin, die fließend Englisch, Französisch und Spanisch spricht, suchte einen Job als Babysitter oder Begleiterin. Eine Telefonnummer und ein Nachname, mehr war nicht drin: weniger als zwei Zeilen, die zugleich zeigen und verbergen, sichtbar und unsichtbar machen - ihre verborgene Vergangenheit, ihre prekäre Gegenwart, ihre ungewisse Zukunft. Frau C. war eine der wenigen tausend Juden aus der Region des Nahen Ostens und Nordafrikas (MENA Region), die sich zwischen den 1940er und 1970er Jahren in Mailand, Italien, niederließen: einzelne Fragmente eines komplexen historischen Phänomens, bei dem innerhalb weniger Jahrzehnte die jüdische Präsenz in diesen Regionen dramatisch reduziert und fast zum Erliegen gebracht wurde. Obwohl im Vergleich zu anderen Migrationsziele - wie Israel, Frankreich oder Kanada - von einem Randfall zu sprechen ist, stellte Italien nicht nur einen Transitpunkt, sondern auch ein neues Zuhause für MENA-Juden dar. Das übergeordnete Ziel des Projekts war es, dem Verständnis näherzukommen, das Juden aus Nordafrika und dem Nahen Osten von ihren Migrationspfaden und ihrer Lebensgeschichte haben, wie sie es in Interviews und als Zeugen zum Ausdruck bringen. Mündliche Quellen, von Frauen und Männern, die in verschiedenen Phasen ihres Lebens gezwungen wurden oder sich dazu entschieden haben, den Ort, an dem sie früher lebten, zu verlassen. Nicht alle nannten diesen Ort "Zuhause", obwohl viele es taten. Die Herausforderung bestand gewissermaßen darin, das Fragment und das Ganze in einer, wie ich es nenne, ÄsthEt(h)ik des Fragments miteinander in Einklang zu bringen. Mit Ethik meine ich dabei - anthropologisch - die Verantwortung des Forschers, "das emotionale Engagement der Ethnographie anzuerkennen und zu kommunizieren" (Carroll 2015: 693); und mit Ästhetik beziehe ich mich auf eine Erfahrung, die mit "unserer Fähigkeit, eine bestimmte Art von Wissen durch unsere Gefühle zu entwickeln" und " mit unseren Sinnen" (Ribeiro und Caquard 2018) verbunden ist: den Sinnen, die durch die Zeugnisse ausgedrückt werden, meinen eigenen Sinnen, die durch die Zeugnisse mobilisiert werden, und den Sinnen des Publikums. Die Ergebnisse, die ich der breiten Öffentlichkeit anbiete, sind eine Reihe kreativer und unkonventioneller Karten, die die Interpretation persönlicher und kollektiver Erfahrungen von Vertreibung und Verbundenheit, Sehnsucht und Zugehörigkeit im gesamten Mittelmeerraum unterstützen. Ich hoffe, dass es meinem Projekt trotz der negativen Auswirkungen, die die Covid-19-Pandemie auf meine Forschung hatte, gelungen ist, etwas zu kartieren und zu beleuchten, was lange Zeit Neuland war: jüdische Migrationen aus Nordafrika und dem Nahen Osten nach Italien.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Graz - 100%

Research Output

  • 3 Zitationen
  • 7 Publikationen
  • 6 Künstlerischer Output
  • 1 Datasets & Models
Publikationen
  • 2022
    Titel Mind the map: charting unexplored territories of in-visible migrations from North Africa and the Middle East to Italy
    DOI 10.1080/1462169x.2022.2062840
    Typ Journal Article
    Autor Rossetto P
    Journal Jewish Culture and History
    Seiten 172-195
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Review of The Holocaust and North Africa
    Typ Journal Article
    Autor Rossetto P.
    Journal Quest. Issues in Contemporary Jewish History. Journal of the Fondazione CDEC
    Seiten 234-239
    Link Publikation
  • 2021
    Titel The materialities of belonging: Objects in/of exile across the Mediterranean. Introduction
    Typ Journal Article
    Autor Rossetto P.
    Journal Mobile Culture Studies. The Journal
    Seiten 7-16
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Mapping memories, charting empathy: framing a collaborative research-creation project
    Typ Journal Article
    Autor Melilli M.
    Journal From the European South. A Transdiscipinary Journal of Postcolonial Humanities
    Seiten 145-151
    Link Publikation
  • 2021
    Titel The materialities of belonging: Objects in/of exile across the Mediterranean
    Typ Other
    Autor Rossetto P.
    Link Publikation
  • 2021
    Titel 'We Were all Italian!': The construction of a 'sense of Italianness' among Jews from Libya (1920s-1960s)
    DOI 10.1080/02757206.2020.1848821
    Typ Journal Article
    Autor Rossetto P
    Journal History and Anthropology
  • 2022
    Titel Mobile Culture Studies. The Journal >mcsj>, issue 7/2021 "The materialities of belonging: Objects in/of exile across the Mediterranean",
    Typ Other
    Autor Rossetto P.
    Link Publikation
Künstlerischer Output
  • 2022
    Titel Shamailang, Una mappa di parole (A Map of Words)
    Typ Artefact (including digital)
  • 2022 Link
    Titel Shamailang, Una mappa di parole (A Map of Words)
    Typ Artefact (including digital)
    Link Link
  • 2020 Link
    Titel Digital Storyboard
    Typ Artefact (including digital)
    Link Link
  • 2020 Link
    Titel Mindili (My Handkerchief)
    Typ Artwork
    Link Link
  • 2020 Link
    Titel Storyboard of Rachele Abravanel
    Typ Artefact (including digital)
    Link Link
  • 2020 Link
    Titel Ze haya be-leil Shabbat, The eve of the Shabbat
    Typ Artefact (including digital)
    Link Link
Datasets & Models
  • 2022 Link
    Titel Mapping Roots, Charting Routes
    Typ Database/Collection of data
    Öffentlich zugänglich
    Link Link

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(Eingang Wiesingerstraße 4)
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