Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
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Late Byzantium,
Critical editing,
Byzantine poetry,
Reception Studies
Gedichte zu verfassen, zu lesen und zu hören, war während der gesamten über 1000-jährigen Geschichte des Byzantinischen Reiches ein wichtiger Teil des kulturellen Ausdrucks. Das Projekt behandelt die Dichtung des späten Byzanz, d. h. von etwa 1204 (der Eroberung Konstantinopels während des 4. Kreuzzuges) bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts (dem Ende des Reiches durch die Eroberung durch die Osmanen). Diese Epoche war geprägt von einer politischen Fragmentierung: Auf dem Gebiet des früheren byzantinischen Reiches entstanden zahlreiche Einzelstaaten, etwa Nikaia in Kleinasien, Trapezunt am Schwarzen Meer oder Epiros in Nordgriechenland. Zusätzlich blieb die byzantinische Kultur in Regionen lebendig, die nicht mehr dem byzantinischen Reich angehörten, etwa im süditalienischen Salento, auf Kreta oder Zypern. Nach der Rückeroberung Konstantinopels durch die Byzantiner 1261 kam es zudem zu einer kulturellen Blüte in der Hauptstadt. Aus all diesen Regionen sind Gedichte überliefert. Sie wurden zu bestimmten Anlässen oder Zeremonien vorgetragen, als Inschriften an Gebäuden und Kunstobjekten festgehalten oder in den literarischen Salons der Gebildeten diskutiert. In Form und Inhalt wurden sie den politischen und sozialen Verhältnissen angepasst. So finden sich Gedichte in byzantinischer Tradition, die einen osmanischen Herrscher loben ebenso wie hochartifizielle Texte in antiken Metren, die nur einem kleinen Kreis von Intellektuellen verständlich waren. Die Produktion und Rezeption von Gedichten war ein bedeutendes Mittel der Identitätsbildung in einer Zeit, in der die politische Situation nicht mehr zur Identifizierung als Byzantiner taugte. Das Projekt hat drei Ziele: Zunächst wird die literarische Landschaft der Dichtung im späten Byzanz kartographiert. Gedichte sind als Teil einer vernetzten Welt zu verstehen, in denen literarische, soziale und politische Aspekte bei ihrer Komposition eine Rolle spielten. Fast keiner der Autoren dichtete hauptberuflich, sondern fast alle übten andere Beschäftigungen aus, bekleideten etwa politische oder kirchliche Ämter oder arbeiteten als Lehrer. Aufbauend auf dieser Übersicht beschäftigen sich Einzelstudien mit Aspekten der Produktion und Rezeption sowie den ästhetischen Qualitäten der Gedichte. Schließlich werden ausgewählte unzugängliche Texte in Editionen veröffentlicht. Die byzantinische Dichtung hat in den letzten Jahren vermehrt das Interesse der Forschung geweckt. Dies betrifft vor allem die Spätantike bis zum 12. Jahrhundert, zu denen umfassende Studien erschienen sind und die in großen Forschungsprojekten bearbeitet werden. Die Spätzeit wurde weitestgehend außer Acht gelassen. Das Projekt nimmt sich erstmals umfassend dieses Textcorpus an und untersucht die Vielfalt der Formen und Funktionen von Gedichten in einer Zeit politischer Fragmentierung, in der Dichtung als identitätsbildendes Medium verwendet wurde.
Dieses Projekt befasste sich mit Gedichten aus der spätbyzantinischen Zeit, d. h. von etwa 1204 (der Eroberung Konstantinopels während des 4. Kreuzzuges) bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts (dem Ende des Reiches durch die Eroberung durch die Osmanen). In dieser Epoche wurden griechische Gedichte in einer Vielzahl unterschiedlicher politischer und sozialer Kontexte verfasst: in den Schulen und Gelehrtenkreisen in Konstantinopel, am Kaiserhof in Trapezunt am Schwarzen Meer, im Patriarchat des kleinasiatischen Nikaia, im Klerus des byzantinischen Reiches und der Peloponnes im Austausch mit der Westkirche und vielen anderen Umgebungen mehr. Die Ergebnisse des Projektes liegen in sieben Einzelstudien vor. Vier dieser Studien widmen sich der Dichtung im Konstantinopel des frühen 14. Jahrhunderts, einer Zeit großer literarischer Blüte. Der erste Artikel bietet eine Edition und einen Kommentar zu einer Reihe unveröffentlichter Gedichte des wichtigsten Dichters dieser Epoche, Manuel Philes. Ein zweiter Artikel vergleicht die Briefgedichte des Philes mit den Prosabriefen des Lehrers Theodoros Hyrtakenos, der einer ähnlichen sozialen Schicht angehörte. Dieser Vergleich offenbart die unterschiedlichen Gattungskonventionen von Briefen in Prosa und in Vers. Ein dritter Aufsatz befasst sich mit den Motiven, welche Einzelpersonen dazu brachte, Gedichte zu verfassen. Artikel vier bietet eine detaillierte Analyse eines Idylls des Gelehrten Maximos Planudes, in welcher er vielfältige antike und byzantinische Traditionen vermengt, deren gründliche Kenntnis für das Verständnis des Textes essentiell ist. Durch die Entschlüsselung dieser Anspielungen offenbart sich ein Text, der lehrreich und hochunterhaltsam ist und das gängige Bild des frommen und konservativen Mönches Planudes auf den Kopf stellt. Die übrigen Artikel sind sehr unterschiedlichen Kontexten gewidmet. Artikel fünf beschäftigt sich mit den Gedichten des Patriarchen Germanos II., der in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Nikaia hochideologische Epigramme verfasste, die der orthodoxen Positionierungen in Auseinandersetzungen mit dem byzantinischen Nachfolgestaat Epirus und der katholischen Kirche dienten. Der sechste Artikel, verfasst gemeinsam mit dem Historiker N. Aschenbrenner, untersucht Ioannes Eugenikos, einen Kleriker des 15. Jahrhunderts, der seine literarischen Fähigkeiten in Prosawerken wie in Gedichten dazu nutzte, sich in einer Zeit massiver ideologischer und politischer Klüfte innerhalb der byzantinisch-orthodoxen Community zu behaupten. Der siebte und letzte Artikel schließlich beschäftigt sich mit dem Beamten und Dichter Stephanos Sgouropoulos, der um die Mitte des 14. Jahrhunderts in Trapezunt Gedichte an den jungen Kaiser Alexios III. Megas Komnenos verfasste, in welchen er ihn zuerst beraten wollte, später jedoch auf eine Art beleidigte, die in der byzantinischen Literatur ihresgleichen sucht. Seine Texte entziehen sich einer klaren literarischen und gattungstechnischen Bestimmung und offenbaren, wie kulturelle Bildung und literarische Experimente in einer weit entfernten Provinz Hand in Hand gehen konnten. Während dieses Projekt vielfältige Einzelstudien hervorbrachte, wird ein Folgeprojekt (Elise-Richter-Projekt, FWF Nr. V919) darauf aufbauend dem Verfassen einer Monographie über die "Die Macht der Dichtung im späten Byzanz" gewidmet sein.
Research Output
- 2 Zitationen
- 8 Publikationen
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2021
Titel Defending Orthodoxy in Verse: The Poetry of Patriarch Germanos II (Including Two Unpublished Poems) Typ Journal Article Autor Kubina K Journal Byzantion Seiten 197-217 -
2021
Titel DEFENDING ORTHODOXY IN VERSE THE POETRY OF PATRIARCH GERMANOS II (INCLUDING TWO UNPUBLISHED POEMS) Typ Journal Article Autor Kubina K. Journal Byzantion: Revue Internationale des Etudes Byzantines Seiten 197-217 Link Publikation -
2021
Titel Functions of Letters in Verse and Prose DOI 10.4324/9780429288296-6 Typ Book Chapter Autor Kubina K Verlag Taylor & Francis Seiten 78-90 Link Publikation -
2022
Titel Word as Bond in an Age of Division: John Eugenikos as Orator, Partisan, and Poet DOI 10.1086/721662 Typ Journal Article Autor Aschenbrenner N Journal Speculum Seiten 1101-1143 -
2020
Titel Eight unedited poems to his friends and patrons by Manuel Philes DOI 10.1515/bz-2020-0038 Typ Journal Article Autor Kubina K Journal Byzantinische Zeitschrift Seiten 879-904 Link Publikation -
2022
Titel Parodying Antiquity for Pleasure and Learning: The Idyll by Maximos Planoudes; In: Byzantine Commentaries on Ancient Greek Texts, 12th-15th Centuries Typ Book Chapter Autor Kubina K Seiten 240-272 -
2022
Titel Poetry of Turmoil: Stephanos Sgouropoulos to Alexios III Megas Komnenos Typ Journal Article Autor Kubina K Journal Dumbarton Oaks Papers Seiten 221-244 -
2022
Titel Word as Bond in an Age of Division: John Eugenikos as Orator, Partisan, and Poet Typ Journal Article Autor Aschenbrenner N Journal Speculum Seiten 1102-1143