Habsburgische Feldsanität und die Türkenkriege des 18. Jh.
Habsburg Battlefield Medicine in 18th Century
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Humanmedizin, Gesundheitswissenschaften (30%); Geschichte, Archäologie (70%)
Keywords
-
Southeastern Europe,
18th Century,
Ottoman Wars,
Habsburg Monarchy,
Battlefield Medicine
Die konfliktreiche Beziehung zwischen dem Osmanischen Reich und der Habsburger Monarchie ist bekannt und facettenreich dokumentiert. Die Interessenunterschiede spiegeln sich in einer Reihe von militärischen Konflikten, um die religiöse und territoriale Vorherrschaft im südöstlichen Europa. Üblicherweise werden die Türkenkriege mit außergewöhnlicher Gewalt, Leid und Tod in Verbindung gebracht. Krieg bringt jedoch nicht nur Tod, sondern ebenfalls Krankheit und Verletzung. Gleichermaßen sind Hunger und Epidemien stetige Begleiter kriegerischer Konflikte. Dieses Projekt widmet sich auf der Grundlage der drei Türkenkriege 17161718, 17361739 und 17871791 der Untersuchung der Habsburgischen Feldsanität während des 18. Jahrhunderts. Erstmalig wird untersucht, wie die Habsburger Monarchie die medizinische Versorgung von Soldaten im Feld organisierte. Zudem bietet die Studie einen neuen Zugang, um das Schlachtfeld als multidimensionales System aus zusammenhängenden Prozessen zu begreifen. Die Studie analysiert die Rolle von medizinischen und militärischen Akteuren. Bezüglich der Feldscherer und Ärzte wird gefragt wie und ob medizinisches Fachpersonal ihr neu errungenes Wissen bezüglich neuer medizinischer Techniken und Heilung nach dem Krieg verwertet haben. Auf Grundlage der amtlichen Kommunikation vom Schlachtfeld und durch persönliche Berichte von militärischen Akteuren zielt das Projekt darauf ab, deren Kriegserfahrungen in Bezug auf Krankheit, Verletzung und Invalidität zu erfassen. Es wird gefragt ob und wie führendes Militärpersonal ihre Emotionen und Wahrnehmungen im Kontext von stetigem Leid und Schmerz unter den Habsburgischen aber auch gegnerischen Kriegsopfern zum Ausdruck gebracht hat. Zusätzlich bietet die Studie neue Erkenntnisse bezüglich der Organisation der Feldspitäler, Facetten des Krankheitsmanagements im Feld, die Gewährleistung von Hygiene, Beerdigungspraktiken oder die Unterstützung von Invaliden. Das Projekt beruht auf der Auswertung von unpubliziertem Quellenmaterial. Dieses Material besteht aus kaiserlichen Dekreten und Instruktionen, Verträgen, Militärkarten, Malereien, Architektur- und Bauplänen, Marschplänen, offiziellen Briefen und amtlicher Korrespondenz, Musterlisten sowie Berichten, Lehrbüchern, Tagebüchern und Exerzierreglements. Die Studie befruchtet die Militärgeschichtsschreibung gleichermaßen wie die Geschichte der Medizin als auch die Imperiengeschichte. Ferner erhält das interdisziplinäre Feld der men`s studies neue Impulse. Das Projekt stellt einen weiteren Baustein in der Untersuchung militärmedizinischer Fragen des 18. Jahrhunderts auf europäischer Ebene dar, welches über die Habsburgische Einflusssphäre hinaus von Interesse ist.
Das Projekt untersucht die militärmedizinischen Entwicklungen innerhalb der Habsburger Monarchie im 18. Jahrhundert. Dabei dienen die drei habsburgisch-osmanischen Kriege (1716-1718, 1736-1739 und 1787-1791) als Fallstudien. Das Projekt eröffnet ein neues Verständnis für die Komplexität des Zusammenspiels von Militärverwaltung, medizinischer Versorgung und der am Krieg beteiligten Bevölkerung. Es zeigt, wie die Militärmedizin ihre Leistungsfähigkeit vor dem Hintergrund eines sich verfestigenden Staatsbildungsprozesses ausbaute. Durch die Berücksichtigung der Folgen eines Krieges werden neue Erkenntnisse gewonnen, die zu einem erweiterten Verständnis von "Fürsorge" für Kriegsteilnehmer beitragen. Das Projekt nutzt den "medizinischen Raum" als Analysekategorie und bezieht die Kriegsregionen als wichtige Stütze der medizinischen Versorgung mit ein, was neue Einblicke in das Management medizinischer Infrastrukturen ermöglicht. Die unheilvolle Verflechtung von "Medizin" und "Krieg" hatte tödliche Konsequenzen für militärische und zivile Gesellschaften. Dies hatte zur Folge, dass sich die Bereitschaft des frühneuzeitlichen Staates zur Entwicklung neuer Strategien zur Optimierung des militärmedizinischen Gesundheitssystem steigerte. Insbesondere die ständige Bedrohung durch Infektionskrankheiten oder Geschlechtskrankheiten zwangen die Monarchie zum Handeln. Das Projekt analysiert wie der Wiener Hof, ausgehend von den medizinischen Bedürfnissen des stehenden Heeres, neue Formen der medizinischen Versorgung entwickelte. Als bedeutsame Entwicklung kann die Etablierung der Idee der "Prävention" angeführt werden. Prophylaktische Konzepte - wie die Praxis der Quarantäne und Isolation, die bis heute als gewichtige medizinische Techniken gelten, Luftventilation oder gesunde Ernährung - werden als neue Ansätze einer Problematisierung militär-medizinischer Fragen im Kontext einer staatlichen Verantwortung thematisiert. Daraus leitet sich eine neue Herangehensweise und Bewertung von Gesundheitsfragen ab, die den Weg für eine konsequente Weiterentwicklungen dessen ebnete, was heute gemeinhin als Public Health bezeichnet wird. Die Projektergebnisse erweitern unser Wissen über die Bandbreite der Gesundheitsversorgung im 18. Jahrhundert und die Entwicklung der Sozialfürsorge in der Habsburger Monarchie. Das Projekt befruchtet das noch jungen Feld der "Health Humanities" und setzt neue Akzente zur Erforschung der Geschichte der Militärfürsorge und des öffentlichen Gesundheitswesens.
- Universität Graz - 100%
- Martin Dinges, Robert-Bosch-Stiftung - Deutschland
Research Output
- 7 Zitationen
- 8 Publikationen
- 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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2021
Titel Medicalising borders, Selection, containment and quarantine since 1800 DOI 10.7765/9781526154675 Typ Book editors Trubeta S, Promitzer C, Weindling P Verlag Manchester University Press -
2020
Titel Bildungspraktiken der Aufklärung / Education practices of the Enlightenment, Journal für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (JKGE) / Journal for Culture and History of the Germans in Eastern Europe DOI 10.1515/9783110671827 Typ Book editors Pasewalck S, Weber M Verlag De Gruyter Link Publikation -
2020
Titel Amtskommunikation und Personalwesen im habsburgischen Banat (1716-1740) DOI 10.1515/9783110670561-012 Typ Book Chapter Autor Jesner S Verlag De Gruyter Seiten 251-268 -
2019
Titel The World of Work in the Habsburg Banat (1716–51/53): Early Concepts of State-Based Social and Healthcare Schemes for Imperial Staff and Relatives DOI 10.1017/s0067237819000055 Typ Journal Article Autor Jesner S Journal Austrian History Yearbook Seiten 58-77 -
2022
Titel Recruiting and Networking Strategies; In: Elites, Groups, and Networks in East-Central and South-East Europe in the Long 19th Century DOI 10.30965/9783657795215_003 Typ Book Chapter Verlag Brill | Schöningh -
2022
Titel Clerks, Guards and Physicians: Imperial Staff and the Implementation of Border Security Concepts within the Transylvanian Military Border; In: Borders and Mobility Control in and between Empires and Nation-States DOI 10.1163/9789004520844_006 Typ Book Chapter Verlag BRILL -
2023
Titel Beyond the Battlefield: Reconsidering Warfare in Early Modern Europe Typ Book Autor Helfferich Tryntje Verlag Taylor & Francis Ltd -
2020
Titel Die Personalfrage in Neuen Provinzen: Das Banat Im Regionalen Vergleich Typ Book Autor Jesner Sabine Verlag Franz Steiner Verlag Wiesbaden GmbH
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2020
Titel Mannagetta-Preis für die Geschichte der Medizin Typ Research prize Bekanntheitsgrad National (any country)