Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (15%); Kunstwissenschaften (70%); Soziologie (15%)
Keywords
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Theatrical dance in early 20th century Greece,
Early 20th century dance modernity,
Dance and gender,
Modern dance and the nation,
Ballet and popular dance forms,
Dissidence in choreography
In der Tanzgeschichte des 20. Jh., wie sie in Westeuropa erforscht und vermittelt wird, wird die griechische Tanzgeschichte nur selten behandelt. Parallel dazu ist sogar innerhalb der Forschung zu griechischem Tanz wenig über das Genre des Balletts bekannt. Vor ebendiesem Hintergrund setzt sich dieses Forschungsprojekt mit dem Ballett in Griechenland in den ersten Jahrzehnten des 20. Jh. auseinander. Der Begriff Ballett bezieht sich in diesem Zusammenhang sowohl auf die klassische Tanztechnik als auch auf damit verwandte aber nicht identische Tanzarten, die in lyrischen und leichten Formen des Musiktheaters vorkommen (etwa in Oper, Operette und Revue). So wird über die Erforschung des Balletts in Griechenland die ästhetische Kategorie des Balletts erweitert. Die Hypothese der Forschungsarbeit ist, dass das Ballett in Griechenland Anfang des 20. Jh. einen unerwarteten Raum der Dissidenz darstellte, der den Normen und Erwartungen seines künstlerischen und sozialen Kontexts entgegenwirkte. Während der griechische moderne Tanz häufig eine idealisierte nationale Identität zur Schau stellte, verwies das Ballett offen auf ausländische künstlerische Modelle, wurde von nicht-griechischen Performerinnen ausgeübt und legte den Schwerpunkt nicht unbedingt auf landesspezifische Themen. Das Ballett wurde so erstens zu einem Schauplatz transnationalen kulturellen Austauschs. Zweitens wurde griechisches Ballett Anfang des 20. Jh. vorwiegend von Frauen ausgeübt, die oft von sozialen Normen der Weiblichkeit abwichen; dadurch wurde es zu einem Raum, in dem alternative Geschlechterrollen erlebt und präsentiert werden konnten. Schließlich ist zu bemerken, dass Ballett oft als elitäre Tanzform erachtet wird, es im griechischen Ballett Anfang des 20. Jh. aber Bezüge zu Popkultur und Gesellschaftstanz gab, wodurch die Grenze der Hochkultur durchbrochen wurde. Über eine Verflechtung dieser Hypothesen wirft das Projekt auch die Frage auf, wie diese drei Formen der Dissidenz gegenüber Idealvorstellungen der Nation, des Geschlechts und der Hochkultur miteinander in Beziehung stehen. Um diese Fragen zu beantworten, werden im Zuge der Forschungsarbeit spezifische Künstler_innen untersucht, aber auch vorwiegend die Arbeiten der zahlreichen anonymen Tänzerinnen erkundet, die die Ballettszene in Griechenland Anfang des 20. Jh. ausmachten. Dabei wird auf Informationen aus Programmheften, Presseartikeln, Bildarchiven und Musikpartituren zurückgegriffen. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit werden über akademische Kanäle verbreitet (Artikel, Konferenzen etc.), aber auch über praxisorientierte Workshops in Wien und Griechenland. Mit der Erzählung der Geschichten dieser wenig anerkannten Tänzerinnen und Tanzformen soll das Projekt zur gegenwärtigen Bemühung der Tanzwissenschaft beitragen, unser Verständnis des Tanzes des frühen 20. Jh. zu diversifizieren und eine vielfältige Geschichte der Vergangenheit zu erzählen, als Fundament für eine heterogene Zukunft.
Research Output
- 6 Publikationen
- 2 Disseminationen
- 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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2023
Titel Mapping as Historiographic Practice: The Ballet Landscape in Interwar Greece DOI 10.1080/01472526.2023.2270467 Typ Journal Article Autor Leon A Journal Dance Chronicle Seiten 6-32 Link Publikation