Identitätsentscheidungen und Wohlfahrt
Identity Decisions and Welfare
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (25%); Wirtschaftswissenschaften (75%)
Keywords
-
Rational Choice,
Identity,
Preference Change,
Behavioural Economics,
Philosophy and Economics,
Welfare
Experimentelle und andere Verhaltensstudien haben gezeigt dass Individuen vom Standardmodell der ökonomischen Rationalität in verschiedenen Weisen abweichen. Diese Abweichungen reichen von altruistischem Verhalten bis zu Veränderungen von Präferenzen und Neigungen zu kognitiven Fehlern (siehe z. B. Kahneman 2003). Das hat natürlich theoretische Konsequenzen und Ökonomen versuchen auf diese Resultate zu antworten in dem sie Modelle auf der Basis von Verhaltensspieltheorie, evolutionäre Spieltheorie, sozialen Interaktionsmodellen oder anderen Variationen des traditionellen Nutzenmaximierungsmodell entwickeln (z.B. Akerlof und Kranton 2000, Bénabou und Tirole 2002). Diese Resultate und Modelle sollen ein realistischeres Bild des ökonomischen Individuums geben da sie von der Annahme ausgehen dass Individuen soziale Wesen sind und dass sie mit bestimmten kognitiven Fähigkeiten ausgestattet sind die dazu dienen sich an soziale Umstände und Begebenheiten anzupassen. Aber obwohl diese Forschungslinie versucht das ökonomische Individuum wahrheitsgetreuer darzustellen, so hat sie doch wenig zu sagen in Bezug auf Wohlfahrtsmessungen. Das traditionelle ökonomische Denken nimmt unveränderliche Präferenzen an, was zur Folge hat dass man komparative Wohlfahrtsmessungen vornehmen kann. Die neu eingeführten kognitiven Aspekte des ökonomischen Individuums werfen allerdings die Frage auf, was aus der Stabilitätsannahme von Präferenzen und daher aus Wohlfahrtsevaluierung nun werde. Das Konzept der Wohlfahrtsmessung braucht daher eine substantielle Neuorientierung. Mein Forschungsvorhaben wird sich mit ähnlichen Fragen auseinandersetzten wie sie derzeit von "Verhaltensökonomen" diskutiert werden. Aber obwohl ich von den Resultaten der Behavioural und Experimental Economics inspiriert bin, so denke ich auch dass diese Zweige der modernen Ökonomie zuviel Spielraum unkontrolliertem, kognitivem Verhalten zuschreiben. Dabei ist es auch erwiesen, dass Individuen durchaus geeignet sind sich kritischen Selbst-Reflexionen und Selbstkenntnis auszusetzen. Ich werde daher eher einer Schiene folgen die von Tapas Majumdar (1980) und Prashanta Pattanaik (1980) schon vor längerem als " Die Rationalität von sich verändernden Entscheidungen" bezeichnet wurde und werde mich auf zwei Dinge konzentrieren. Erstens werde ich den personale Identitätsansatz weite ausbauen, den ich während meines Doktorates angefangen habe und werde analysieren inwieweit sich verändernde Selbstkonzepte auf das Verhalten der Individuen auswirken. Zweitens werde ich die Auswirkungen dieses personalen Identitätsansatzes auf Wohlfahrtsmessungen analysieren. Der "Identitätsansatz" ist das Resultat einer interdisziplinären Studie von ökonomischen rationalen Entscheidungen, philosophischen Theorien der personalen Identität und psychologischen Ergebnisse bezüglich des "Selbst" und der "Identität". Mein Forschungsprojekt wird diese Arbeit fortsetzen und versuchen die gemeinsamen Punkte dieser Disziplinen in Bezug auf Identität weiter auszuarbeiten. Die Identitätskonzeption die ich entwickelt habe sieht vor, dass Individuen bestimmte "Selbstbilder" von sich haben. Diese Selbstbilder kann man sich als mentale Abbildungen von sich selbst in der Zukunft vorstellen (und könnte als, z.B., Präferenzordnung dargestellt werden) und diese werden das Individuum motivieren bestimmte Handlungen auszuführen die das Individuum (oder das "aktuelle Self", das also als eine Präferenzordnung gedacht werden kann) "näher" an sein oder ihr Selbstbild bringt. Wir können jedoch nicht davon ausgehen dass die Selbstbildnisse kontinuierlich dieselben sein werden. Diese werden natürlich sich im Laufe der Zeit verändern, gemäß der Erfahrungen die man macht und anderer Einflüsse. Das heißt, wenn ein Selbstbild sich verändert, dann verändert sich auch das Entscheidungsverhalten. Und das kann mit Hilfe von sich veränderten Präferenzen dargestellt werden. Dieser gesamte Prozess bedarf weiterer Ausarbeitung und das Ziel diese Projektes ist es einen axiomatischen Prozess von Veränderung, basierend auf Identitätsentscheidungen, dazustellen. Der zweite Teil meines Forschungsprojektes wird sich konkret mit dem Problem der Wohlfahrtsmessung auseinandersetzen. Die Idee hier ist ebenso dass wenn sich verändernde Präferenzen durch Identitätsentscheidungen erklären lassen, dann kann man "rationalen Veränderungen" folgen und diese evaluieren. In dem Sinne bietet der Identitätsansatz eine Lösung zum Problem der Wohlfahrtsevaluierung wenn die zugrunde liegenden Präferenzen sich verändern.
Das Modell spielt eine Hauptrolle in den Wirtschaftswissenschaften. Der oder die WissenschaftlerIn beginnt mit einigen Hypothesen wie die Welt funktioniert und ändert dann ein paar Variablen um zu sehen welche Konsequenzen solche Veränderungen hervorrufen würden. Dies hilft Vorhersagen zu machen und wird dazu verwendet fundierte Entscheidungen in der Politik zu treffen. Eine dieser Hypothesen betrifft das individuelle Entscheidungsverhalten. Der oder die WissenschaftlerIn nimmt an, dass die zu entscheidenden Personen rational seien und dies bedeutet in den meisten Fällen dass sie ihren Nutzen maximieren. Die Leute haben laut Annahme bestimmte gleichbleibende Präferenzen über verschiedene Güter, Dienstleistungen oder Ereignisse, und versuchen, unter den ihnen vorgegebenen Bedingungen, wie zum Beispiel ihr Einkommen, das für sie Beste zu wählen. Aufgrund der Annahme der stabilen Präferenzen werden diese oft als die Identität des ökonomischen Agenten betrachtet, das heißt, die Leute sind was sie mögen. Dies bedeutet natürlich auch dass sich die Identität der Agenten im Laufe der Zeit nicht ändert. Präferenzen werden auch als Grundlage für Wohlstandsevaluierungen herangezogen. Eine Person hat einen höheren Wohlstand je mehr ihrer Präferenzen erfüllt sind. Annahmen über die Welt sind notwendigerweise vereinfacht dargestellt, denn wenn das nicht so wäre, so die Argumentation, würde ein Modell schnell schwer zu lösen werden. Solch eine Begründung ist allerdings unhaltbar wenn die simplen Hypothesen schwer vertretbar sind. An der Stelle setzt meine Forschung ein. Meine Haupthypothese war dass sich die Präferenzen der Leute im Laufe der Zeit verändern. Die Frage meiner Arbeit der vergangenen Jahre war u.a. wie man am besten eine solche Annahme in die wirtschaftswissenschaftliche Theorie einbauen könnte. Dafür studierte ich u.a. die psychologische Literatur zum Thema innerlicher Konflikt der entsteht wenn Menschen verschiedene, einander sich zum Teil konkurrierende Gründe haben gewisse Handlungen zu setzen. Auf der Basis dieser Annahme konnte ich gemeinsam mit meinem Mitautor Ritxar Arlegi ein Entscheidungsmodell entwickeln, dass die Entstehung von Präferenzen erklärt und nicht deren gleichbleibende Existenz voraussetzt. Präferenzen sind dann stabil, wenn ein innerlicher Konflikt zwischen verschiedenen Motivationen die einen drängen dieses oder jenes zu machen, gelöst wurde. Ansonsten würden die Leute Entscheidungen treffen die nicht ihre Präferenzen reflektieren. Dies hat natürlich auch Konsequenzen bezüglich der Identität der ökonomischen Agenten. Ich sehe Identität nun vielmehr als die Rahmenbedingungen innerhalb derer Leute ihre Entscheidungen treffen. Jedoch dürfen diese nicht die minimalen Rationalitätsanforderungen die diese Rahmenbedingungen darstellen überschreiten um ihre Identität zu wahren. Wohlfahrtsevaluierungen müssen natürlich diesem neuen Modell angepasst werden und würden beispielsweise den innerlichen Spannungen von Konflikten Rechnung tragen können.
- Universität Wien - 100%
- Peter Rosner, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in
Research Output
- 7 Zitationen
- 3 Publikationen
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2010
Titel Identity economics: towards a more realistic economic agent? DOI 10.1080/1350178x.2010.525041 Typ Journal Article Autor Teschl M Journal Journal of Economic Methodology Seiten 445-448 -
2013
Titel Asymmetric paternalism for economists - Review of Daniel Hausman's Preference, Value, Choice, and Welfare. Typ Journal Article Autor Teschl M Journal Asymmetric paternalism for economists - Review of Daniel Hausman's Preference, Value, Choice, and Welfare -
2011
Titel John B. Davis's Individuals and identity in economics. Cambridge (UK): Cambridge University Press, 2011, 270pp. DOI 10.23941/ejpe.v4i2.82 Typ Journal Article Autor Teschl M Journal Erasmus Journal for Philosophy and Economics Seiten 74 Link Publikation