Körper und Identitäten der späten Urgeschichte Mitteleuropas
Bodies and identities in Central European Later Prehistory
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (85%); Philosophie, Ethik, Religion (5%); Soziologie (10%)
Keywords
-
Identity,
Body,
Bronze Age,
Iron Age,
Burials,
Art
Diese Studie hat zum Ziel, individuelle sowie Gruppenidentitäten zu erforschen, da diese entscheidend für unser Verständnis der Urgeschichte als die gelebte Erfahrung prähistorischer Menschen sind. Persönliche Identität besteht aus einem Mosaik veränderlicher Variablen, wie etwa Rollen, die Menschen innerhalb ihrer Gesellschaft spielen, Geschlecht, Alter, Abstammung, Status, Reichtum, Klasse, Ethnizität oder Religion. Die Analyse von prähistorischer Identität und Menschsein in der Urgeschichte gelingt am Besten durch den Fokus auf den menschlichen Körper, da dieser der primäre locus der Person ist, durch den die Welt erfahren wird und Handlung ausgeführt werden. Körperpraktiken werden dazu verwendet, persönliche Identität zu konstruieren, sowie Gleichheit und Unterschiede zwischen Gruppenmitgliedern und Menschen außerhalb der Gruppe auszudrücken. Wie Menschen sich und andere wahrnehmen wird etwa durch die Art, sich zu kleiden, sich in der Umwelt zu bewegen, materielle Kultur zu verwenden, oder die Art, sich um Tote zu kümmern und sie zu begraben, ersichtlich. Der Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit in Mitteleuropa wird von interessanten sozialen Entwicklungen begleitet, die sich archäologisch etwa durch die Wiedereinführung von Menschenbildern in der Kunst oder die radikale Änderung der Bestattungssitten niederschlagen, in denen der Körper in den Mittelpunkt rückt. Ein neues Körperverständnis wird greifbar. Durch die detaillierte Untersuchung von Grabfunden und -befunden sowie die Analyse menschlicher Darstellungen in der Kunst wird untersucht, wie Geschlechterbeziehungen konstruiert, aufrechterhalten und gelebt werden, wie persönliches Alter zur Wahrnehmung von Identität beiträgt, wie Reichtum und Status zu bedeutenden menschlichen Attributen wurden, und in welchem Zusammenhang die verschiedenen Variablen von Identität stehen. Um chronologische Entwicklungen nachzuvollziehen und räumliche Unterschiede zu fassen, ist das Projekt entlang zweier analytischer Achsen angelegt: zum einen wird der Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit untersucht und verfolgt, welchen Veränderungen die Konstruktion von Identität im Laufe der Zeit unterlegen ist, zum anderen wird die Beziehung verschiedener Regionalgruppen in Mitteleuropa untereinander untersucht, insbesondere daraufhin, ob persönliche Identität in verschiedenen Regionen unterschiedlich verstanden und gebildet wird. Das soll klären, ob die Konstruktion persönlicher Identitäten entscheidend für die Definition von regionalen Gruppen waren, und bewusst dazu verwendet wurden, Unterschiede in verschiedenen Gebieten zu betonen und aufrechtzuerhalten. Ein Resultat der Studie wird ein wesentlich besseres Verständnis von Ethnogenese und der Entstehung politischer Einheiten an der Schwelle zur Geschichte sein. Die Untersuchung des umfassenden und detaillierten Datenmaterials der späten Bronze- und frühen Eisenzeit Mitteleuropas verspricht interessante Ergebnisse, und wird helfen, das neue Feld einer "Archäologie des Menschseins" (archaeology of personhood) zu entwickeln und um die Facette Reichtum, Macht und Status als wichtiger Bestandteil von Identität in der späten europäischen Urgeschichte zu bereichern.
- Universität Wien - 100%
- Otto H. Urban, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in