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Geistbesessenheit: Modi und Funktion

Spirit Possession: Modes and Function

Yvonne Schaffler (ORCID: 0000-0003-4068-8930)
  • Grant-DOI 10.55776/T525
  • Förderprogramm Hertha Firnberg
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.10.2011
  • Projektende 31.03.2016
  • Bewilligungssumme 206.340 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Sozialwissenschaften (40%); Klinische Medizin (10%); Psychologie (10%); Soziologie (40%)

Keywords

    Spirit possession, Practice Theory, Dominican Republic, Psychosomatics, Embodiment, Cognitive Science

Abstract Endbericht

Das Projekt widmet sich der Erforschung des Phänomens Geistbesessenheit und seiner Funktionalität. Zentrale AkteurInnen sind Praktizierende ritueller Besessenheit im Südwesten der Dominikanischen Republik. Gegenstand der Untersuchung ist 1) der detaillierte Aufbau (Bild, Ton und Sprache, unter besonderer Berücksichtigung der Interaktionen), 2) das innere Empfinden der AkteurInnen während - sowie 3) die Funktionalität von Besessenheit. Ziel der Studie ist die mikroanalytische Untersuchung von Interaktionen im Zusammenhang mit Geistbesessenheit. Durch Typenbildung, Fallvergleich und -Kontrastierung sollen Rückschlüsse auf mögliche Funktionen gezogen und diese anschließend quantitativ nachgewiesen werden. Das Projekt geht von einer Reihe von Hypothesen aus, basierend auf Sichtungen von Material aus Voruntersuchungen: Es gibt relevante Unterschiede im Ausagieren und Erleben von Besessenheit, abhängig vom Erfahrungsgrad und der Funktion der praktizierenden Person. Die Qualität von Besessenheit (Intensität, Dauer, Script) ist maßgeblich von Erwartung und Resonanz des Umfeldes (RitualteilnehmerInnen und -assistentInnen) beeinflusst, welches durch seine Aktionen (Musik, Tanz, Berührung, Verwendung von Glocken und Gerüchen) stimulierend oder beruhigend auf die besessene Person einwirkt. Ein anfänglich unkontrolliertes oder/und unspezifisches Besessenheitsverhalten wird während eines monate- bis jahrelangen Prozess der religiösen Initiation sozialisiert und den Vorstellungen und Bedürfnissen des Kollektivs angepasst. Das Einüben kultureller Inhalte erfolgt primär über den Körper, und erst sekundär über Sprache und Kognition. Die für Besessenheit gebräuchliche Zustandsbeschreibung "Trance" erscheint zu ungenau, stellenweise sogar falsch, denn Voruntersuchungen zeigen, dass sich das Verhalten während der Besessenheit ändert und so z.B. Stadien performativen Ausdrucks, empathischer Zuwendung oder organisatorischer Aufgaben beinhalten kann. Interpretationen von Besessenheiten als epileptische Anfälle oder Psychosen, wie sie in der älteren Literatur teils zu finden sind, werden dem Phänomen noch weniger gerecht, denn sie ignorieren nicht nur das ihm zu Grunde liegende verkörperte kulturelle Wissen, sondern verneinen auch seine Funktionalität in Hinblick auf die Befriedigung psychosozialer Bedürfnisse. Grundlegender methodologischer Ansatz ist Grounded Theory nach Glaser und Strauss. Im Zentrum der ersten Projektphase steht induktive Theorieentwicklung durch das Erstellen von Konzepten und Hypothesen aus im Rahmen eines ersten Feldforschungsaufenthalts gesammelten Videodaten und problemzentrierten Interviews. In der zweiten Projektphase ist eine weitere Feldforschung geplant, die sich vermehrt auf die individuelle Handlungspraxis bezieht - sowohl qualitativ in Form von narrativen Interviews als auch quantitativ mittels standardisierter Fragebögen, deren Auswahl auf resultierenden Hypothesen aus Phase eins basiert, und die den AkteurInnen im Sinn des Nachweises einer konkreten Funktionalität unmittelbar vor und nach dem Besessenheitserleben vorgelegt werden. Mit dem Ziel einer zusätzlichen Hypothesenprüfung soll im Videomaterial Verhalten kodiert werden. Erkenntnisgewinn ist in Form eines theoretischen Modells zur Phänomenologie und Funktionalität von ritueller Besessenheit zu erwarten, mit Schwerpunkten in den Bereichen embodiment, Psychosomatik und cognitive science. Kritik geübt wird an Ansätzen, die kulturelle Äußerungen mit Krankheit gleichsetzen. Stattdessen wird ein verstehender Zugang gewählt, der dem in Europa und den USA als befremdlich oder exotisch empfundenem Phänomen Besessenheit nicht nur eine "innere Logik" sondern auch eine Funktion zugesteht. Dabei handelt es sich um 33 Stunden videographisches Material resultierend aus Voruntersuchungen, die in Kooperation mit dem Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften durchgeführt wurden.

Das Projekt widmete sich den Modi und der Funktion von Geistbesessenheit in der Dominikanischen Republik, die rituell im Rahmen der Vodou-Religion praktiziert wird. Erforscht wurden die Performance (I), die Entwicklung (II), die Prädiktoren (III) und die Phänomenologie (IV) von Besessenheit, einem zeitlich begrenzten Zustand, während dem Individuen fühlen, dass externe Mächte wie Ahnen oder Gottheiten ihre Körper kontrollieren. Danach können sie sich oft nicht daran erinnern, was sie während der Besessenheitstrance (Dissoziation) gesagt oder getan haben. Viele erfahrene Praktizierende von Besessenheit betreiben spirituelle Zentren, in denen sie Dienstleistungen anbieten, darunter Beratungssitzungen im Zustand von Besessenheit. Ihre Position als HeilerInnen ermöglicht ihnen einen Zugewinn an Autonomie, verbesserte Möglichkeiten zum Selbstausdruck, Macht, Status und ökonomische Vorteile. Für einen Teil der Individuen fungiert Besessenheit allerdings auch als Ausdruck von Stress, der darauf ausgerichtet ist, soziale Aufmerksamkeit zu erzielen. Sie haben das Gefühl, dass die Geister sie gegen ihren Willen kontaktieren und ihre Besessenheitserfahrung ist spontan und enthält gewaltvolle Aspekte, die sich in desorganisiertem oder aggressivem Verhalten ausdrücken. Im Rahmen des Projekts stellte sich heraus, dass davon Betroffene oft leidvolle Erfahrungen hinter sich haben, etwa im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt, Verlust von Bezugspersonen oder Diskriminierung. Darüber hinaus zeigte ein Vergleich zwischen besessenen (n=47) und nicht-besessenen (n=38) VodouistInnen, dass jene, die Besessenheit erleben, im Gegensatz zur nicht besessenen Vergleichsgruppe, über eine verstärkte Tendenz zu Somatisierung, Schlafstörungen und vergangenen traumatischen Erfahrungen im Zusammenhang mit Überfällen, Unfällen oder Krankheiten berichtete. Unter den Umständen, die die Erfahrung leidvoller Besessenheit verstärken, finden sich ein feindliches und stresserzeugendes soziales Umfeld, und Versuche traditioneller HeilerInnen und Mitglieder von Pfingstkirchen, rituell die Dämonen auszutreiben. Eine Initiation in den Vodou Kult hingegen kann als Bewältigungsstrategie im Umgang mit verstörenden dissoziativen Episoden dienen, da die Betroffenen so mit einer Erklärung und positiven Interpretation ihrer Besessenheitszustände versorgt werden. Während des Initiationsprozesses üben sie wiederholt und unter Aufsicht erfahrener Praktizierender Besessenheitszustände ein, wodurch zuvor unkontrollierte Trance strukturiert und kontrollierbar wird. So zeigte sich, dass die Wahrnehmung von Besessenheit als funktionell oder leidvoll sowohl von biographischen Erfahrungen als auch von soziokulturellen Variablen abhängt. Im Rahmen des Projekts wurde somit ein nuancierter und kultursensibler Ansatz verfolgt, der zur Kenntnis nahm, dass die Performanz, die innere Erfahrung und die Funktion von Besessenheit innerhalb des selben soziokulturellen Settings variiert. Durch seine Bezugnahme auf Besessenheit als Ausdruck von Stress hat das Projekt Auswirkungen auf den Bereich der Kulturpsychiatrie.

Forschungsstätte(n)
  • Medizinische Universität Wien - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • William S. Sax, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg - Deutschland

Research Output

  • 25 Zitationen
  • 10 Publikationen
Publikationen
  • 2012
    Titel Spirit Possession: Modes and Function.
    Typ Journal Article
    Autor Schaffler Y
  • 2016
    Titel Etnografas de América Latina: Ocho Ensayos (Ethnographies from Latin America: Eight Essays).
    Typ Other
    Autor Avila R Et Al
  • 2015
    Titel Traumatic Experience and Somatoform Dissociation Among Spirit Possession Practitioners in the Dominican Republic
    DOI 10.1007/s11013-015-9472-5
    Typ Journal Article
    Autor Schaffler Y
    Journal Culture, Medicine, and Psychiatry
    Seiten 74-99
    Link Publikation
  • 2014
    Titel "Wild" Spirit Possession in the Dominican Republic: From Expression of Distress to Cultural Expertise.
    Typ Book Chapter
    Autor Felbeck
  • 2012
    Titel Die "Sammlung Ethnomedizin" der Abteilung für Ethnomedizin und International Health der Medizinischen Universität Wien.
    Typ Journal Article
    Autor Schaffler Y
  • 2012
    Titel Besessenheit in der Dominikanischen Republik im Frühstadium: "Wilde" Besessenheit (caballo lobo) aus psychodynamischer und praxistheoretischer Perspektive.
    Typ Journal Article
    Autor Schaffler Y
  • 2013
    Titel Is it Wise to Use Culture as a Category in Health Care?
    Typ Journal Article
    Autor Schaffler Y
  • 2013
    Titel El caballo que se volvio lobo: Analisis del fenomeno de "posesion espontanea" (The Horse that has Gone Wild: Analyzing the Phenomenon of "Spontaneous Possession").
    Typ Book Chapter
    Autor Schaffler Y
  • 2016
    Titel A multi-perspective analysis of videographic data on the performance of spirit possession in Dominican Vodou
    DOI 10.1553/jpa6s100
    Typ Journal Article
    Autor Schaffler Y
    Journal International Forum on Audio-Visual Research - Jahrbuch des Phonogrammarchivs
    Seiten 100-125
    Link Publikation
  • 2016
    Titel Report on the Symposium "In the Realm of the Extraordinary: Anomalous Experience from Psychological and Cross-Cultural Perspectives".
    Typ Journal Article
    Autor Schaffler Y

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