Aischylos´ diegetisches Drama
Aeschylus´ Diegetic Drama
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (15%); Medien- und Kommunikationswissenschaften (15%); Sprach- und Literaturwissenschaften (70%)
Keywords
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Greek Tragedy,
Narratological Approaches to Drama,
Aeschylus,
Narration and Performativity,
Speech-act Theories of Drama,
Intermediality of Performance
Die Forschung hat seit langem die tendenzielle "Handlungslosigkeit" der aischyleischen Tragödie, insbesondere der Stücke vor der Orestie (Persae, Septem, Supplices, evtl. Prometheus), bemerkt und diese meist auf die angebliche Unreife der tragischen Gattung zurückgeführt. Ein solches Urteil via negationis beruht auf der impliziten Annahme, "Handlung" sei die Strukturdominante des Dramas, und rückt damit den Fokus der Betrachtung auf etwas, das nach den Urteilenden im Drama vorhanden sein sollte, und nicht auf das, was in den aischyleischen Tragödien tatsächlich vorhanden ist. Mit dem Forschungsprojekt "Aischylos` diegetisches Drama" beabsichtige ich, die genannten Tragödien nicht nach dem Maßstab von späteren (etwa aristotelischen) Vorstellungen des Dramas zu betrachten, sondern im Kontext der vortragischen, narrativen Dichtungstraditionen, vor allem Epos und Chorlyrik, als deren Schnittpunkt und Transformation die Tragödie historisch entsteht. In diesem Sinne kann die Frühtragödie als Übertragung der erzählenden Dichtungstraditionen auf die Bühne verstanden werden. Bei der Untersuchung der dramatischen Struktur dieser Stücke kann man nämlich feststellen, dass die dramaturgischen Wendepunkte sich nicht aus Handlungsszenen, sondern aus Erzählszenen ergeben, etwa aus Botenberichten, Teichoskopien, Prophezeiungen usw., die jeweils über vergangene, gegenwärtige und zukünftige Geschehnisse berichten: Geschehnisse werden also vor allem erzählt, nicht gezeigt bzw. inszeniert. Hier wirkt Erzählung im sprachphilosophischen Sinne performativ: Erzählungen rufen nämlich Reaktionen seitens der adressierten dramatis personae (inkl. des Chors) hervor, etwa in Form von Stellungnahme, Klage, Deutung, Kommentierung, Entscheidungen, usw. Gerade diese Performativität, und nicht die Aufführung von "Handlungen", bildet die eigentliche "Dramatik" der frühgriechischen Tragödie. Da diese einerseits noch in der Tradition der erzählerischen Dichtung steht, andererseits aber nun mit der Medienfügung der Theateraufführung konfrontiert wird, wird sie zu einer multi- und intermedialen, höchst komplexen Form der Erzählkunst. Bei der Anpassung des traditionellen Erzählrepertoires an die Bühne entwickelt die Frühtragödie Erzähltechniken, die es mit dem Begriffsinventar der Erzähltheorie zu untersuchen gilt.
Die ältesten erhaltenen Tragödien ? Perser, Sieben gegen Theben, Schutzflehende, aber auch Prometheus ? tendieren dazu, Ereignisse eher zu erzählen als sie zu agieren. Das widerspricht unseren Erwartungen, weil im späteren Drama Erzählung zweitrangig, Handlung dagegen konstitutiv ist. Tatsächlich wurden zahlreiche Urteile bezüglich der angeblichen Unreife der Frühtragödie formuliert, welche vor allem Narrativität und Handlungslosigkeit beklagen. Allerdings ist unser Erwartungshorizont zum Drama aus der späteren Tragödie hergeleitet, sodass wir auf Aischylos durch die Brille späterer Gattungstheorien, d.h. anachronistisch schauen.Aischylos diegetisches Drama versucht, diesen Ansatz zu überwinden und sich auf das zu fokussieren, was die dramatischen Texte tatsächlich zeigen (Erzählung), und nicht auf das, was wir dabei vermissen (Handlung). Dementsprechend wird Narrativität nicht als Nebenprodukt oder gar Manko verstanden, sondern als Grundzug der Frühtragödie, die ich als narrative Gattung und nach der Kategorie diegetisches Drama umdenke. Dieser Perspektivenwechsel dient nicht der Gattungstaxonomie, sondern bildet die Grundlage für ein unbefangenes Verständnis derjenigen Elemente, die uns bei Aischylos als nicht-dramatisch schlechthin auffallen: lange Erzählungen und darauffolgende Erwiderungen des Chors.Durch Textanalyse identifiziert Aischylos diegetisches Drama die Merkmale des diegetischen Dramas; entscheidend ist dabei nicht nur die starke Präsenz der Erzählung sondern auch die Rolle, die Erzählungen hier spielen, ihre Beziehungen zu nicht-narrativen Bestandteilen sowie ihre Auswirkungen auf den Plot. Das Besondere an Erzählungen im diegetischen Drama ist nämlich, dass sie Reaktionen und Erwiderungen seitens der dramatis personae hervorzurufen vermögen. Da Erzählungen solche Ereignisse auslösen, tragen sie aktiv zur Konstruktion des Plots bei. Zugleich fördern sie die Zusammenstellung dessen, was Aristoteles als nicht-unitarischen mythos kennzeichnet: denn sie stellen Ereignisse dar, die an anderer Zeit und Stelle als das hic et nunc passieren, und deren kausaler Zusammenhang auch lose sein kann.Dieses Projekt untersucht warum Aischylos so viel erzählt, und warum das Publikum seine erzählenden Stücke für herausragende Tragödien hielt. Dafür soll das diegetische Drama in seinen Kontext eingebettet werden: in der griechischen Erzählkultur ist Erzählen ein wesentliches Bestandteil zahlreicher Gattungen und entwickelt sich in eine vielfältige performance art. Unter diesen Voraussetzungen erörtert Aischylos diegetisches Drama, wie tragische Erzählungen aufgeführt und inszeniert wurden, welche Verbindungen zwischen Tragödie und narrativen Gattungen bestehen, und letztendlich wie das diegetische Drama eine komplexe Erzähltradition auf die Bühne um- und übersetzt.
- Universität Wien - 100%
- Jonas Grethlein, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg - Deutschland
- Carmine Catenacci, Università degli Studi G. D´Annunzio - Italien
- Anton F.H. Bierl, Universität Basel - Schweiz
Research Output
- 2 Zitationen
- 6 Publikationen
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2015
Titel One deception, many lies. Frr. 301/302 Radt and Aeschylus' Philoctetes DOI 10.1553/wst128s19 Typ Journal Article Autor Gianvittorio L Journal Wiener Studien Seiten 19-26 -
2012
Titel Erzählen als rhetorisches Handeln. Antike Theorien und Pragmatische Narratologie. Typ Journal Article Autor Gianvittorio L Journal Grazer Beiträge -
2012
Titel Narrazione melica nella tragedia. Modi del racconto ed etopea del narratore. Typ Journal Article Autor Gianvittorio L -
2014
Titel TIME AND RITUAL IN THE ORESTEIA DOI 10.1017/s0009840x14000511 Typ Journal Article Autor Gianvittorio L Journal The Classical Review Seiten 349-351 -
2014
Titel Epicarmo dialogico (Parte 2). Quattro livelli di analisi. Typ Journal Article Autor Gianvittorio L -
2013
Titel Epicarmo dialogico (Parte 1). Quattro livelli di analisi. Typ Journal Article Autor Gianvittorio L