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Wahrheit verhandeln: Semmelweis, Diskurs über Handhygiene und Politik der Emotionen

Negotiating Truth:Semmelweis, Discourse on Hand Hygiene and the Politics of Emotions

Anna Durnová (ORCID: 0000-0001-5789-1850)
  • Grant-DOI 10.55776/T592
  • Förderprogramm Hertha Firnberg
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.10.2012
  • Projektende 30.04.2018
  • Bewilligungssumme 211.830 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Philosophie, Ethik, Religion (5%); Politikwissenschaften (85%); Sprach- und Literaturwissenschaften (10%)

Keywords

    Political Theory, Foucault, Emotions, Poststructuralism, Discourse, Deuleuze

Abstract Endbericht

Dieses Projekt wird eine neue Theorie der poststrukturalistischen Politikauffassung entwickeln, in der Emotionen eine Schlüsselrolle einnehmen. Die Hauptthese ist, dass Emotionen die Etablierung von "Wahrheit" mit steuern, weil sie mit Diskursen in einem Verhandlungsverhältnis stehen. Aktuelle politische Theorien über Wahrheit erklären den Prozess der Etablierung nicht ausreichend, weil sie das transformative Potential der Emotionen für Diskurse unterschätzen. Das Projekt will diese Lücke schließen und durch eine Synthese poststrukturalistischer politischen Theorie (z. B. Deleuze 1988, Foucault 2011, Glynos & Howarth 2008, Howarth 2000, Norval 2007), wissensorientierter Ansätze in den Sozialwissenschaften (Barnes & Dupré 2008, Latour 1993 & 1987 Woolgar 2002 oder Jasanoff 2005) und der Diskurslinguistik (Charaudeau 2000, Kerbrat-Orecchioni 1999) ein Konzept von Politik entwickeln, in dem das Verhältnis zwischen Diskurs und Emotionen als Verhandlung gedacht wird : Emotionen organisieren Werte und Überzeugungen organisieren, assoziieren Akteure, aber wohnen, gleichzeitig, dem Diskurs inne. Durch den Fokus auf "Verhandlung", können wir erklären, wie Wahrheit politisches Wissen produziert und wie sie dadurch einen neuen Begriff der Macht in Vordergrund stellt. Das Projekt will sich den bekannten Streit des Wiener Gynäkologen Ignaz Philipp Semmelweis zu Nutze machen. Semmelweis` Annahme, dass das "Kindbettfieber", eine sterbliche und weit verbreitete Krankheit unter Wöchnerinnen während des 19. Jahrhunderts, auf das Nicht-Waschen der Hände der Ärzte zurückzuführen wäre, entwickelte sich zum Streit über die hygienische Notwendigkeit des Händewaschens. Das Projekt wird anhand der Analyse dieses historischen Konflikts deutlich machen, wie Emotionen Diskurse für und gegen das Händewaschen informieren und wie sich Gruppen von Akteuren bilden. So wird dargelegt, wie sich im Zuge des Diskurse über Handhygiene bestimmte Diskurse als "wahr" beziehungswiese als "unwahr" etabliert haben. Zunächst werden die drei oben genannten theoretischen Traditionen gegenüberstellt und anhand dessen wird argumentiert, dass Wahrheit als eine Verhandlung zwischen Diskurs und Emotionen konzipiert werden kann. In der empirischen Analyse werden dann solche Verhandlungen nachgezeichnet. Deswegen werden Bilder, Forschungsprotokolle, die Korrespondenz von Semmelweis, symbolische Gegenstände, Manuskripte, wissenschaftliche Debatten über die Praxis des Händewaschens und biografische Arbeiten analysiert, sowie wissenschaftsgeschichtliche Arbeiten zu Semmelweis berücksichtigt. Mittels linguistischer Diskursanalyse - erweitert durch diskurslinguistische Ansätze - sollen die emotionalen Bindeglieder zu den jeweiligen Überzeugungen und Werten identifiziert werden. Diese erklären, warum die Einführung von Händewaschen zu der Zeit von Semmelweis umstritten. Darüber hinaus greift der Fall auf, wie die heutzutage im westlichen medizinischen Hygienediskurs implizite Praxis von Händewaschen durch ein Zusammenspiel von Wahrheit und Emotionen entstanden ist. Somit dient der Semmelweis Konflikt als ein Anstoss, den Begriff des Politischen mithilfe einer stärkeren Betonung von Emotionen neu zu denken.

Wahrheit ist ein zentrales Instrument der Politik: sie teilt Akteure auf, sie schafft Täter und Opfer. Das Projekt definiert die Wahrheit neu; als eine Verhandlung von Emotionen und Fakten. Die Art und Weise, wie wir Faktenwissen im Gegensatz zu Emotionen behandeln, und wie wir über Emotionen in Wissenschaft und Politik sprechen, ist entscheidende dafür welche Akteure berechtigt sind an öffentlichen Debatten teilzunehmen, und die Wahrheit zu verhandeln. Die Rolle der Emotionen in der Wahrheitsproduktion wurde bisher von den politischen Analysen vernachlässigt, was auch dazu führte, dass Politologen vom Phänomen der "Post-Wahrheit" überrascht wurden. Post-Truth - der seit kurzem geprägte Begriff, der die Untergrabung der Wahrheit in westlichen Demokratien beschreibt - zeigt die Notwendigkeit einer solchen Analyse. Der Trend der Post-Wahrheit hat Wissenschaftler und die Zivilgesellschaft in einer öffentlichen Verteidigung der Wahrheit vereint: wissenschaftliche Zeitschriften lobten die Rationalität der Wissenschaft, WissenschaftlerInnen protestierten für Wahrheit und Fakten Check-Sites wurden schnell in der westlichen Medienwelt verbreitet. Der Kampf um die Wahrheit könnte jedoch bereits verloren sein, und zwar durch das, was das Projekt als "Binarität von Fakten und Emotionen" bezeichnet. Die Binarität ist eine Gedankenkonstruktion, die Emotionen den Fakten gegenüberstellt. Sie wird zu einem mächtigen Werkzeug, um bestimmte Arten von Wissen und Argumenten zu privilegieren. Eine normative Betrachtung der Emotionen ist ein zentraler Teil davon. Die im Projekt durchgeführten Analysen erklären die Konsequenzen, die die Binarität für die Rolle der Wahrheit in modernen Demokratien hat. Obwohl Emotionen an der wissenschaftlichen Wissensproduktion teilhaben, werden sie durch die Neutralität der Wissenschaft verborgen. Die historische Kontroverse um Ignaz Semmelweis bezüglich Händedesinfektion ist ein Beispiel dafür, wie Wahrheit entsteht. Seine Vermutung, die Desinfektion der Hände von Ärzten führe zu einer signifikanten Reduktion des Kindbettfiebers - einer fatalen und weitverbreiteten Erkrankung im 19. Jahrhundert - enthüllt einen politischen Moment der Wahrheit. Es zeigt, dass gesellschaftliche Stereotypen, Semmelweis `emotionales Verhalten und Machtspiele für die Kontroverse entscheidend waren. Seine Wahrheit war subversiv, weil jede wissenschaftliche Wahrheit subversiv ist, und sie war auch nicht neutral, weil jede wissenschaftliche Erkenntnis durch ihre Fakten die gesellschaftliche Debatte beeinflusst. Das Projekt verglich diese Ergebnisse mit der Analyse von Protesten von WissenschaftlerInnen gegen die Trump-Präsidentschaft im Jahr 2017. Auch die Analyse bestätigte die Rolle der Binarität. Die Ergebnisse laden deshalb ein, offen zu diskutieren, dass WissenschaftlerInnen durch ihre Entdeckungen Werte und Überzeugungen mitbilden und neu definieren.

Forschungsstätte(n)
  • Institut für Höhere Studien - IHS - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Dvora Yanow, Vrije Universiteit Amsterdam - Niederlande

Research Output

  • 284 Zitationen
  • 8 Publikationen
Publikationen
  • 2013
    Titel Les approches discursives des politiques publiques
    DOI 10.3917/rfsp.633.0569
    Typ Journal Article
    Autor Durnova A
    Journal Revue française de science politique
    Seiten 569-577
    Link Publikation
  • 2016
    Titel Discursive Approaches to Public Policy: Politics, Argumentation, and Deliberation
    DOI 10.1057/978-1-137-50494-4_3
    Typ Book Chapter
    Autor Durnova A
    Verlag Springer Nature
    Seiten 35-56
  • 2015
    Titel Between the individual and the collective: understanding the tensions of the interpretive inquiry. A response to Boswell and Corbett
    DOI 10.1080/19460171.2015.1040256
    Typ Journal Article
    Autor Durnová A
    Journal Critical Policy Studies
    Seiten 241-245
  • 2015
    Titel Handbook of Critical Policy Studies
    DOI 10.4337/9781783472352
    Typ Book
    Verlag Edward Elgar Publishing
  • 2015
    Titel Chapter 12: Lost in translation: expressing emotions in policy deliberation
    DOI 10.4337/9781783472352.00019
    Typ Book Chapter
    Autor Durnová A
    Verlag Edward Elgar Publishing
    Seiten 222-238
  • 2017
    Titel Framing policy designs through contradictory emotions: The case of Czech single mothers
    DOI 10.1177/0952076717709524
    Typ Journal Article
    Autor Durnová A
    Journal Public Policy and Administration
    Seiten 409-427
    Link Publikation
  • 2014
    Titel Societies in conflict: experts, publics and democracy. The 8th International Conference in Interpretive Policy Analysis, Vienna, July 2013
    DOI 10.1080/19460171.2014.957044
    Typ Journal Article
    Autor Durnová A
    Journal Critical Policy Studies
    Seiten 375-378
  • 2015
    Titel Chapter 1: Introduction to critical policy studies
    DOI 10.4337/9781783472352.00005
    Typ Book Chapter
    Autor Fischer F
    Verlag Edward Elgar Publishing
    Seiten 1-24
    Link Publikation

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