Widerstand gegen den NS und seine intergenerationale Tradierung in österr. Familien
Resistance against NS and its intergenerational transmission in Austrian families
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (100%)
Keywords
-
Biographical Research,
Intergenerational Transmission,
Image Analysis,
Resistance
Das vorliegende Forschungsprojekt interessiert sich zum einem für die intergenerationalen Tradierungsformen von Widerstandshandlungen gegen den Nationalsozialismus und damit verbundene Erfahrungen und zum anderen für eine methodologische und methodische Verknüpfung des Ansatzes der biographischen Fallrekonstruktion (Rosenthal 1995) mit jenem der Bildanalyse (Breckner 2010). Forschungen sowohl zu Nachkommen von Opfern bzw. Überlebenden der Shoah wie auch zu Nachkommen von Mittäter/innen und Täter/innen zeigen, dass das Erleben der (Ur-)Großeltern und Eltern während des Nationalsozialismus unmittelbare Auswirkungen auf die psychische Entwicklung ihrer Nachkommen und nicht zuletzt auch auf deren Handlungsstrukturen und biographische Verläufe hat. Die forschungsleitenden Fragen nach den Wirkungen des Erlebens von (Ur- )Großeltern/Eltern auf das Leben ihrer Enkelkinder/Kinder sowie nach den Handlungsstrukturen, die diese entwickeln, werden zum ersten Mal auch in Bezug auf Widerstandshandlungen und -erfahrungen gestellt. Biographische Fallrekonstruktion und Analyse des inter- und intragenerationalen Dialogs stellen dabei die methodische Grundlage dar. Herausgearbeitet soll werden, was auf welche Weise erinnert und damit auch vermittelt wird, und wie die Vergangenheit auf die biographischen Verläufe der Nachkommen wirkt. Besondere Aufmerksamkeit kommt dabei dem Umstand zu, dass diejenigen, die widerständig gehandelt haben und das eigene Erleben verbal vermitteln konnten, zu einem sehr großen Teil nicht mehr als Gesprächspartner/innen zur Verfügung stehen. Dadurch erhalten andere Formen der Erinnerung, insbesondere Fotografien, eine stärkere Bedeutung, da sie bildhaft familiale historische Hinterlassenschaften präsentieren. Sie sind ein Medium, anhand dessen Vergangenes und Gegenwärtiges und damit familiäre und gesellschaftliche Themen untersucht werden können; sie verweisen auf das Erlebte und auf die damit verbundenen Sinn- und Bedeutungsstrukturen. Forschungsleitende Fragen sind in diesem Zusammenhang: Auf welche Art und Weise werden sie in Fotografien erinnert? Welche Bedeutung kommt Fotografien in der Vermittlung der Familiengeschichte an nachfolgende Generationen zu? Gibt es Unterschiede zum verbalen familialen Dialog? Ziel der Forschungsarbeit ist es, durch die Verknüpfung von biographischer Fallrekonstruktionen mit Analysen von Familiengesprächen und der Analyse von Fotografien eine Perspektivenvielfalt auf inter- und intragenerationale Tradierungsprozesse zu erhalten. Dabei steht die systematische Verknüpfung biographischer Fallrekonstruktionen mit der Analyse von Fotografien im Zentrum.
Das mehrgenerationale, biographieanalytische Projekt interessierte sich für die intergenerationalen Tradierungsformen von Widerstandshandlungen gegen den Nationalsozialismus und damit verbundene Erfahrungen. Die auf biographisch-narrativen Interviews und privaten Fotografien basierenden Ergebnisse zeigen, dass die intergenerationale Weitergabe von Widerstandserfahrungen an Biographien der Nachkommen in Verbindung mit der Existenz kollektiver Gedächtnisse von Wir-Gruppen betrachtet werden muss. Gemeint sind damit Opferverbände, die nach 1945 kollektive Gedächtnisse ausgebildet haben, die Widerstand gegen den Nationalsozialismus würdigen und politisch sowie historisch verorten. Diese kollektiven Gedächtnisse stellen Gegenerinnerung zum nationalen österreichischen Gedächtnis zu Verfügung, in dem Widerstand geleugnet und marginalisiert wird. Der Zugang zu den Opferverbänden ist meist über die politische Verortung des Widerstands und dessen organisatorische Anbindung gegeben. Jene Nachkommen, die Zugang haben, beziehen sich nach 1945 positiv auf die eigene Familiengeschichte und sie haben die Möglichkeit die eigenen Biographien in diesen Familiengeschichten zu verorten. Die biographischen Handlungs- und Erinnerungsstrukturen sind von Bewahrung und Vermittlung der politischen Bedeutung von Widerstand und dem Erhalt politischer Orientierung charakterisiert. Haben die Nachkommen keinen Zugang zu diesen Wir-Gruppen, etwa da der Widerstand nicht politisch zuordenbar ist oder es keine organisatorische Anbindung gab, wird ihre Zuwendung zu Familiengeschichte erschwert und das nationale Gedächtnis mit seiner verleugnenden und marginalisierten Deutungen von Widerstand wirkt stärker. Dies mündet in gespaltenen Familienstrukturen und die biographischen Handlungs- und Erinnerungsstrukturen sind von der Suche nach Wir-Gruppen geprägt. Mobilität und Bildung stellen familiale und biographische Handlungsstrategien dar. Die Ergebnisse machen die zentrale Bedeutung kollektiver Gedächtnisse und die Zugehörigkeit zu Wir-Gruppen sowohl für intergenerationale Erinnerungsprozesse wie auch für biographische Handlungsstrukturen sichtbar. Sie verweisen auf die Notwendigkeit, die von Macht- und Herrschaftsstrukturen durchzogenen Konstellationen von kollektiven Gedächtnissen in das Verstehen der Weitergabe von Verfolgungs- und Widerstandserfahrung im Nationalsozialismus miteinzubeziehen. Die Ergebnisse geben tieferen Einblick in die Nachwirkungen des Nationalsozialismus und den sich daraus ergebenden sozialen Dynamiken der österreichischen Gesellschaft.
- Universität Wien - 100%
- Gabriele Rosenthal, Georg-August-Universität Göttingen - Deutschland
Research Output
- 9 Zitationen
- 3 Publikationen
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2016
Titel Sichtbare Verhältnisse DOI 10.1007/978-3-658-11729-0_7 Typ Book Chapter Autor Pohn-Lauggas M Verlag Springer Nature Seiten 111-130 -
2017
Titel Sichtbare Verhältnisse Fotografien als Datenmaterial in der biographischen Forschung. Typ Book Chapter Autor Pohn-Lauggas M -
2016
Titel In Worten erinnern, in Bildern sprechen. Zum Unterschied zwischen visuellen und mündlichen Erinnerungspraktiken DOI 10.3224/zqf.v17i1-2.25543 Typ Journal Article Autor Pohn-Lauggas M Journal Zeitschrift für Qualitative Forschung Seiten 59-80 Link Publikation