Narrative der Migration - Juden und Muslime als "Andere"
Narratives of Migrating Minorities - Muslims and Jews
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (30%); Soziologie (70%)
Keywords
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Jewish-Muslim relations,
Religious Identitiy,
Migration And Diaspora,
Ethnic Identity,
Religious Minorities In Austria,
Biographic Narratives
Das Projekt untersucht biografische Narrative von Juden und Muslimen in Österreich in Hinblick auf ihre Erfahrungen als religiöse Minderheiten. Die Auswahl der jüdischen und islamischen communities erfolgte anhand von Kriterien, die sowohl Gemeinsamkeiten (wie z.B. Sprache oder regionale Herkunft) als auch Unterschiede (Gründe der Auswanderung, sozio-ökonomischer Status) aufweisen. Durch den Fokus auf Biografien und Alltagserfahrungen können Topoi der Differenz, wie sie in medialen oder politischen Debatten geführt werden, hinterfragt und aufgebrochen werden. Speziell für dieses Projekt entwickelte Methoden der Interviewführung und Textinterpretation in Fokusgruppen erlauben, den Blick auf bisher wenig repräsentierte Aspekte des Weggehens (von Zuhause) und Ankommens zu lenken und damit mehr Diversität in die großen Narrative von Identität und Zugehörigkeit bringen. Das Ziel ist es, Zusammenhänge aufzuzeigen, wie politische Dynamiken sowohl im Herkunftsland als auch in der neuen Heimat die Bildung von individuellen- und Gruppenzugehörigkeiten beeinflussen, und wie sich diese Zugehörigkeiten über die Zeit hinweg verändern: wie positioniert man sich in Bezug zu anderen Minderheiten, zu anderen jüdischen communities, oder zur Mehrheitsgesellschaft? Auf der Grundlage biografischer Erzählungen werden möglichst vielfältige Perspektiven mit einbezogen, ohne die betreffenden Personen auf ihren Status als MigrantInnen oder Minderheiten zu reduzieren.
In Wien lebt eine der weltweit größten communities Bukharischer Juden, das sind Juden aus Zentralasien, insbesondere dem heutigen Usbekistan und Tajikistan. Die meisten von ihnen sind in den 1980er Jahren nach Wien gekommen. Sie teilen ihre kulturelle Herkunft mit Muslimen aus persischsprachigen Ländern, das sind neben den zentralasiatischen Republiken auch Iran und Afghanistan. Diese historischen, kulturellen und linguistischen Gemeinsamkeiten sind in Vergessenheit geraten, nicht zuletzt auch innerhalb der betreffenden Gemeinden selbst. Das Projekt hat untersucht, welche Aspekte dieses gemeinsamen Hintergrundes im Prozess der Herausbildung von Gruppenidentitäten - z.B. als "Juden" oder "Muslime" in Wien noch eine Rolle spielen oder weggefallen sind. Damit war es die erste Forschung im deutschsprachigen Raum, die muslimische und jüdische Erfahrungen als verbunden begreift. Durchgeführt wurde die Studie von einem Team mit Kenntnissen in den entsprechenden Sprachen als auch der Geschichte der jeweiligen communities in Österreich. Zu Beginn war die Forschungsfrage darauf gerichtet, wie die erstarkende politische und öffentliche Polarisierung gegen "Immigranten" in Österreich sich auf Selbst- und Fremdbilder von Minderheiten auswirkt. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt war, wie die Erfahrungen von Einzelpersonen gegebenenfalls von diesen offiziellen Topoi abweichen. Die qualitativen Methoden, die zur Anwendung kamen waren biografische Interviews und ein Pilotversuch in Form eines Lesekreises mit Menschen jüdischen und islamischen Glaubens aus (ehemals) persischsprachigen Ländern. In diesem wurden Erfahrungen der Flucht und des Lebens in Österreich ausgetauscht, was uns eine Analyse von Gemeinsamkeiten und Unterschieden erlaubte. In einem zweiten Schritt lasen wir ausgesuchte Teile persischer Literatur miteinander und fanden deren Adaption in einheimischen jüdischen Sprachen der Region (z.B. Judaeo-Persisch oder Bukhori). Dabei überschritten wir disziplinäre Grenzen, die die Forschung zu moderner jüdischer und islamischer Geschichte bisher prägt. Die biografische Forschung erlaubte uns weiter aufzuzeigen, wie sich Aspekte religiöser und ethnischer Identität im Prozess der Migration verändern und den Zusammenhang dieser Veränderungen mit globalen Diskursen und communities, über den Kontext Österreichs hinaus, aufzuzeigen. Biografien und Alltagserfahrungen sind Quellen die ermöglichen, offizielle Topoi der Differenz, die von Politik und Medien während der Projektlaufzeit immer wieder verbreitet wurden, in Frage zu stellen und zu widerlegen. Sowohl die biografische Erzählung als auch der Lesekreis brachten Aspekte des Von-zu-Hause-Weggehens und Ankommen in Österreich zum Vorschein, die zu einem vielschichtigeren Verständnis von Minderheiten in Österreich beitragen können.
Research Output
- 1 Publikationen
- 1 Künstlerischer Output
- 3 Disseminationen
- 1 Weitere Förderungen
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2024
Titel Jewish Identity Formation after Leaving Central Asia; In: Annual Review of the Sociology of Religion. Volume 15 (2024) Typ Book Chapter Autor Ariane Sadjed Verlag Brill Link Publikation
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2022
Titel Image and sound recording Typ Artefact (including digital)
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2021
Titel Conference presentation Typ A talk or presentation -
2020
Titel Talk Typ A talk or presentation -
2022
Titel Reading Group Typ Participation in an activity, workshop or similar
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2023
Titel Discourses about Antisemitism in Austrian online media Typ Fellowship Förderbeginn 2023 Geldgeber Austrian Academy of Sciences