Mit Armeegeschichten zum gemeinschaftlichen Erbe
From Army Stories to Community Heritage
Wissenschaftsdisziplinen
Bauwesen (25%); Geschichte, Archäologie (25%); Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (25%); Medien- und Kommunikationswissenschaften (25%)
Keywords
-
Military Heritage,
Army Stories,
Cold War Legacy,
Bottom Up,
Social Networks
In diesem Citizen Science Projekt untersuchen spezielle Expert*innen ein bisher wenig erforschtes und zum Teil tabuisiertes Thema: Militäranlagen aus der Zeit des Kalten Kriegs an der Küste des ehemaligen Jugoslawiens. Entlang der Küste und der Inseln entstanden nach dem Ende des zweiten Weltkriegs etliche militärische Hochsicherheitszonen mit Kanonenanlagen, Schiffsbunkern, Kasernen und Übungsplätzen, die dazu dienen sollten, das blockfreie Land vor einem möglichen Angriff vom Meer aus zu schützen. Parallel dazu wurden in hohem Tempo in der gleichen Küstenzone, teils in unmittelbarer Nähe, touristische Anlagen für den neu aufkommenden (Massen-)Tourismus errichtet. Die meisten militärischen, aber auch viele touristische Bauten aus dieser Zeit stehen heute leer und blicken einer ungewissen Zukunft entgegen. Während die Entwicklung des Tourismus an der Adria schon recht gut erforscht ist, weiß man über die militärische Bebauung sehr wenig. Das langjährige Militärgeheimnis und der darauffolgende Jugoslawienkrieg, der das gemeinsame Militär aufsplittete, hinterließen große Lücken in Archiven, aber auch im Bewusstsein der Bevölkerung. Die einzigen, die über die Räume und ihre Nutzung wirklich Bescheid wissen, sind ihre ehemaligen NutzerInnen: In der Regel Männer, heute im Alter 47+, die vor dem Zerfall Jugoslawiens dem noch gemeinsamen Heer gedient haben. Frauen durften nur für eine kurze Zeit (1983-1985) freiwillig Wehrdienst leisten. Zwecks Förderung der gesamtjugoslawischen Gemeinschaft wurden die Wehrdiener möglichst weit weg von ihrem Zuhause in Kasernen umverteilt. So ist das heutige Wissen darüber weit verstreut. Im offiziellen Narrativ aller Nachfolgestaaten ist das einst gemeinsame Militär kein beliebtes Thema, doch die ehemaligen Rekruten haben Wege gefunden, um Erinnerungen an die für sie sehr prägende Zeit untereinander auszutauschen und zwar auf Internetforen und Social Media Seiten. An diese verbreitete Praxis knüpft das TCS Projekt an und versucht mithilfe dieser besonderen Expert*innen die Geschichte der in Vergessenheit geratenen (oder verdrängten) Räume aufzuarbeiten. Die Internetplattformen, auf denen sie bereits aktiv sind, werden als Forschungsplattformen genutzt. Die Entstehung und Nutzung einst militärischer Räume an der Küste werden gemeinschaftlich nachgezeichnet, sowie deren Einfluss auf die lokale Umgebung und Bevölkerung erforscht. Ziel ist es in einem kollektiven Prozess herauszufinden, ob und welche Räume und Bauten erhaltenswert sind, aber auch welche Erfahrungen und Erinnerungen der Nachwelt weitergegeben werden sollten. Das Projekt Mit Armeegeschichten zum gemeinschaftlichen Erbe ist ein TCS Erweiterungsprojekt zum FWF-Peek geförderten Projekt Kollektive Utopien der Nachkriegsmoderne. Adriatische Küste als Urlaubs- und Verteidigungsparadies. Projektleitung: Antonia Dika, Institut für Raum und Design, Kunstuniversität Linz Forschungspartnerin: Anamaria Batista, Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften, Akademie der bildenden Künste Wien Projektwebseite: leisureanddefence.org
Das Projekt, das Citizen Science mit künstlerischer Forschung verband, beschäftigte sich mit Militäranlagen, die im Zuge des Kalten Kriegs entlang der jugoslawischen Adriaküste errichtet wurden. Jahrzehntelang unterlagen diese Orte strenger Geheimhaltung, sodass es kaum Dokumentationen gibt und große Lücken in Archiven wie auch im kollektiven Gedächtnis bestehen. Das verfügbare Wissen über diese Räume liegt fast ausschließlich bei ehemaligen Wehrdienern, die vor dem Zerfall Jugoslawiens in den Anlagen dienten. Heute sind sie weltweit verstreut, ihr Wissen fragmentarisch. Einige nutzen jedoch Internetforen und soziale Netzwerke, um Erinnerungen an ihre Jugendzeit beim Militär auszutauschen. An diese Praxis knüpfte das Projekt an: über digitale Plattformen wurden ZeitzeugInnen in die Forschung einbezogen. Mit ihrer Beteiligung untersuchte das Projekt, wie die militärischen Räume genutzt wurden, welche Rolle sie für die Küstenregionen spielten und welche Fragen sich heute im Hinblick auf ihre Zukunft stellen. Der Citizen Science Zugang kam auf mehreren Ebenen zum Einsatz: als Sammlung spezifischen Wissens über Online-Foren, in Form intensiver Zusammenarbeit mit einzelnen ProtagonistInnen und über eigens geschaffene Austauschformate. Eine wichtige Plattform bot dabei die Ausstellung The Distance View im Historischen Museum Bosnien und Herzegowinas. In einer begleitenden Konferenz trafen WissenschaftlerInnen, KünstlerInnen und ehemalige Wehrdienstleistende als ExpertInnen verschiedener Felder zusammen. Beiträge der Citizen Scientists, etwa zur Rolle von Frauen im Militär oder zur Erinnerungskultur in digitalen Gemeinschaften, verdeutlichten, wie durch das Zusammenführen unterschiedlicher Wissensformen neues Wissen entsteht. Im Projekt entstand auch die kollaborative Arbeit Close to Portonovi von Antonia Dika und der Fotografin Zara Pfeifer, die die Umwandlung der Kaserne in Kumbor zu einem Tourismusresort untersucht. Die Arbeit stellt Postings ehemaliger Wehrdiener den Fotografien der untersuchten Räume gegenüber und reflektiert kritisch die Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerung und Neuerfindung. Darüber hinaus erforschte Anamarija Batista in Interviews, Archivrecherchen und filmischen Arbeiten die Wechselwirkungen von Arbeitsmigration, Tourismus und militärischer Infrastruktur. Diese Perspektive eröffnete neue Einblicke in Dynamiken von Flächenkonkurrenz, räumlicher Kontrolle und sozialer Ungleichheit entlang der Küste. Das Projekt hat gezeigt, dass die militärischen Relikte der Adria nicht nur materielle Hinterlassenschaften sind, sondern auch Träger von Erinnerungen und Fragen nach kulturellem Erbe. Die Zusammenarbeit mit ehemaligen Wehrdienern erwies sich als unverzichtbar für die Rekonstruktion dieses verdrängten Kapitels. Zugleich wurde deutlich, wie künstlerisch-forschende Methoden und Citizen Science dazu beitragen können, fragmentiertes Wissen zu bündeln, transnationale Dialoge anzustoßen und Reflexion über die Zukunft dieser Orte zu fördern.
- Anamarija Batista, Akademie der bildenden Künste Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in
Research Output
- 4 Publikationen
- 3 Künstlerischer Output
- 10 Disseminationen
- 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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2023
Titel Distance View. Leisure and Defence on the Adriatic Coast / Pogled u daljinu. Odmor i obrana na Jadranskoj obali Typ Other Autor Batista A -
2024
Titel Close to Portonovi Typ Book Autor Dika A -
2024
Titel Military on the Coast in Times of Peace Typ Journal Article Autor Dika A Journal AWC Journal Seiten 122-130 Link Publikation -
2025
Titel Blizu Portonovog Typ Book Autor Dika A
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2025
Link
Titel Artist Book Presentation at Softcover Typ A talk or presentation Link Link -
2025
Link
Titel Interview on Montenegrin television Typ A broadcast e.g. TV/radio/film/podcast (other than news/press) Link Link -
2024
Titel Lecture TU Vienna Typ A talk or presentation -
2023
Link
Titel Oslobođenje: Opštenarodna odbrana i društveni odmor Typ A magazine, newsletter or online publication Link Link -
2023
Link
Titel FENA: U Historijskom muzeju BiH izložba s pričom o preplitanju turizma i vojske na Jadranu Typ A broadcast e.g. TV/radio/film/podcast (other than news/press) Link Link -
2025
Titel Facebook Live Event JRM Typ Participation in an activity, workshop or similar -
2024
Link
Titel Lecture Austrian Society for Architecture Typ A formal working group, expert panel or dialogue Link Link -
2025
Link
Titel Der Greif on Close to Portonovi Typ A magazine, newsletter or online publication Link Link -
2023
Link
Titel Radiosarajevo: Izložba 'Pogled u daljinu' u Historijskom muzeju: Šta je povezivalo vojsku i turizam na Jadranu? Typ A magazine, newsletter or online publication Link Link -
2023
Link
Titel Novosti (print and online): Anamarija Batista i Antonia Dika: Skoro sve vojne zone na obali danas su napuštene Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link
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2025
Titel Fluid Design Forum Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International