Oper und die Idee der Selbstrepräsentation in Südosteuropa
Opera and the idea of self-representation in Southeast Europe
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (20%); Kunstwissenschaften (60%); Soziologie (20%)
Keywords
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Opera,
Southeast Europe,
Self-representation,
National identity
Das Projekt zielt auf die Darstellung des zweifachen Prozesses der Erzeugung von Selbstrepräsentation, der in der südosteuropäischen Operngeschichte vor dem zweiten Weltkrieg enthalten ist. Der erste Schritt in diesem Prozess war die Übernahme der italienischen, deutschen, französischen, aber auch russischen und tschechischen Opern in die Nationalgebiete in Südosteuropa. Der zweite Schritt bestand in der Adaptierung der (importierten) musikalischen Modelle an nationale Anforderungen, um National-Opern zu etablieren wie sie in der zeitgenössischen Musikhistoriographie gefordert wurden. Die Oper - als Kunstwerk und als Institution - war zur gleichen Zeit Signifikant und Signifikat eines komplexen Netzwerks von Identitäten. Ich werde zeigen, wie die zwei Modelle nationaler Identität durch Konstruktion der Selbstrepräsentation durch Oper in Kroatien/Slowenien und Serbien/Bulgarien funktionierten. Diese Regionen repräsentieren unterschiedliche kulturelle Modelle, da es sich um Habsburgische und Ottomanische Provinzen handelt, die zugleich auch von der orthodoxen und der römisch-katholischen Religion beeinflusst wurden. Kontext- Verweise werden auch zu Trends in Rumänien und Griechenland gemacht. Das kulturelle Leben in der Vojvodina, Kroatien, Slowenien und Transsylvanien - als Bestandteile der Monarchie - entwickelte sich als Fortsetzung bereits vorhandener institutionalisierter Traditionen (wie Musikvereine, städtische Orchester, Theater, Konservatorien) und war damit die Fortführung von Trends in Zentraleuropa. Das Musikleben in den unter ottomanischer Administration stehenden südöstlichen Teilen Europas musste nach der langen Unterbrechung eines institutionalisierten Musiklebens von Anfang an neu aufgebaut werden. In der Zwischenkriegszeit begann die Opernproduktion allmählich zuzunehmen und in den 1920ern und 1930ern waren einige der bedeutendsten Repräsentanten südosteuropäischer Musik, die auf der Szene erschienen, Opernkomponisten (J. Hatze, J. Gotovac, P. Konjovi?, S. Hristi?, M. Kogoj, S. Osterc, P. Vladigerov, L. Pipkov). Das Fehlen von edierten und gedruckten Partituren und das Fehlen von Aufnahmen war eine Behinderung für das Studium der Werke der genannten Komponisten, so dass einige in diesem Forschungsprojekt zum ersten Mal wissenschaftlich untersucht werden. Der Prozess der Definition und Re-Definition von Selbstrepräsentation im Kontext der nationalen und globalen Kultur wird anhand der Oper und kompositorischer Verfahren betrachtet werden, welche die Opernfiguren in Übereinstimmung mit den erwähnten Kontexten darstellen (das reicht vom typisierten Nationalhelden bis hin zu individualisierten und psychologisch komplex gestalteten Figuren). Dieser Prozess wird von einem trans- nationalen, trans-regionalen und interdisziplinären Blickwinkel aus betrachtet werden (Identitätstheorien im Rahmen der kulturwissenschaftlichen, `colonial` und `postcolonial` Studien, unter Einschluß soziologischer Ansätze, zudem Medientheorie, Nationalismus, Gender Studies sowie semiotische und postsemiotische Theorien des musikalischen Diskurses aufgrund festgelegter Topoi).
Dieses Projekt hat die Entstehungsgeschichte der Südosteuropäischen Oper Oper sowohl als Kunstwerk wie auch als Institution aus unterschiedlichen Perspektiven, wie der Konstruktion von nationaler Identität, des kulturellen Gedächtnisses, und, daraus resultierend, der Selbst-Repräsentation, vom 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg aufgearbeitet. Es zeigt wie zwei Modelle nationaler Identität funktionierten: in Kroatien und Slowenien auf der einen Seite sowie im Vergleich dazu in Serbien und Bulgarien auf der anderen; dazu kommen Querverweise auf Griechenland und Rumänien. Als (ehemalige) Habsburger bzw. Osmanische Provinzen, welche jeweils auch noch durch die entweder römisch-katholische Kirche oder die Ostkirche beeinflusst wurden, repräsentieren diese Regionen sehr differierende kulturelle Modelle. Während das Kulturleben in den Provinzen der Habsburger Monarchie sich in Fortsetzung einer langen Tradition entwickelte, und dessen Institutionen (Musikvereine, Gemeindeorchester, Theater, Konservatorien, etc.) eine Übernahme von Trends aus Mitteleuropa waren, musste es in den ehemaligen osmanischen Provinzen gänzlich neu erschaffen werden. In der Zwischenkriegszeit wurde die Opernproduktion allmählich umfangreicher und während der 1920er und 1930er Jahre traten einige der signifikantesten südosteuropäischen Komponisten in den Vordergrund, die auch Oper in ihr Repertoire inkludierten. Daher bestand der erste Schritt am Weg zur Etablierung der Oper im Musikleben Südosteuropas in der Aneignung italienischer, deutscher und französischer sowie russischer und tschechischer Modelle. Der zweite Schritt bestand in der Anpassung der importierten (musikalischen) Modelle an nationale Bedürfnisse, damit die nationalen Operntraditionen, die auf Selbst-Repräsentation zielten, ein eigenständiges Profil erlangen konnten. Dies wurde dann in der Musikhistoriographie theoretisch fundiert.Der Inhalt der Opern reicht von der Darstellung des Befreiungskampfes bis hin zu Liebesgeschichten, ausgehend von zwei national definierten Gruppen, die jeweils eine bestimmte Nation und ihre Feinde darstellen. Letztere werden oft durch die Türken verkörpert (Exotismus, Orientalismus). Obwohl jedoch der (osmanische) Andere in der südosteuropäischen Oper negativ dargestellt wurde, war er immer noch signifikant anders gestaltet als von einem westlichen Blickpunkt aus: nämlich als geachteter, starker, männlicher Held. Dies bezieht sich auch auf die Genderperspektive: während die osmanischen und anderen exotischen Frauen als zwar schön und verführerisch, aber trotzdem schwach verkörpert werden, sind die Balkanfrauen in den meisten Fällen genauso stark wie die Männer und kämpfen für die gleichen patriotischen Ziele. Dies ist eine weitere differentia specifica der untersuchten Opern. In der Zwischenkriegszeit bezieht sich das Konzept des Anderen nicht nur auf eine bestimmte nationale Gruppe von Charakteren, sondern auch auf andere gesellschaftlich konstruierte Kategorien wie Klasse und Rasse. Das imperiale Erbe in der Oper wird auch auf musikalischer Ebene verkörpert, beispielsweise durch Zitate aus der Habsburger Kaiserhymne oder Salontänzen einerseits, sowie anderseits, in der osmanischen Tradion, durch sevdalinka (Lieder über Liebessehnsucht) oder orientalische Tänze. Die Volkslieder und Volkstänze in allen nationalen musikalischen Traditionen der Region sind ein erkennbares Element von südosteuropäischer Oper. Die Forschung hat, ausgehend von einem transnationalen und transkulturellen Blickwinkel, ein weites interdisziplinäres Netzwerk (Theorien der nationalen Identität im Rahmen von Cultural-, Colonial-, und Postcolonial Studies, sowie Soziologie, Medientheorie, Studien zum Nationalismus, Gender Studies und Memory Studies) einbezogen.
Research Output
- 21 Publikationen
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2012
Titel Harems- und Volkstänze auf der Opernbühne als Identitätssignifikanten in Opern aus Serbien , Kroatien und Montenegro DOI 10.7767/omz.2012.67.5.40 Typ Journal Article Autor Markovic T Journal Österreichische Musikzeitschrift Seiten 40-51 -
2012
Titel Identity under construction: The foundation of Serbian music historiography. Typ Book Chapter Autor Identities: The World Of Music In Relation To Itself (Musicological Studies - Monographs Vol. 17) -
2012
Titel East of the East: The Orient of imperial Russia in the comic opera Fevej (1786) by Vasilij Aleksejevic Paskevic. Typ Journal Article Autor Markovic T Journal TheMA: Theatre, Music, Arts, Open Access Research Journal -
2014
Titel Discourse of heroism in the opera Knez Ivo od Semberije (Prince Ivo of Semberia, 1910) by Isidor Bajic. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Markovic T Konferenz The National Element in Music -
2014
Titel Memorizing battle musically. The Siege of Szigetvr (1566) as an identity signifier. Typ Journal Article Autor Markovic C Journal LiTheS, Zeitschrift für Literatur- und Theatersoziologie -
2013
Titel Franjo Kuhac i zamisao o zemljovidu južnoslavenske glazbene kulture. Typ Journal Article Autor Markovic T -
2013
Titel Editorial Re/Constructing collective memory musically. Typ Journal Article Autor Markovic T Journal Mousikos Logos -
2013
Titel Balkan music historiography as moving back to the 'national roots' and 'authenticity'. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Markovic T Konferenz Die Rückkehr der Denkmäler. Aktuelle retrospektive Tendenzen der Musikwissenschaft -
2012
Titel How much is opera inter/national? Typ Journal Article Autor Markovic T Journal Muzikološki zbornik/Musicological Annual -
2012
Titel Title Nostalgia and utopia and/in music: hold me, neighbor, in this storm (2007) by Aleksandra Vrebalov. Typ Book Chapter Autor Ed. Antonio Baldassarre; Musik -
2011
Titel The myth on the “first national opera”: The cases of Serbia and Croatia DOI 10.1556/smus.52.2011.1-4.12 Typ Journal Article Autor Markovic T Journal Studia Musicologica Seiten 165-177 -
2013
Titel Galina Ivanovna Ustvol'skaja: Komponieren als Obsession (Europäische Komponistinnen 8). Typ Book Autor Holzer A -
2013
Titel The Ottoman past in the romantic opera's present: The Ottoman Other in Serbian, Croatian, and Montenegrin opera. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Markovic T Konferenz Ottoman intimacies, Balkan music realities -
2013
Titel Editorial: Building cultural memory in south-eastern Europe at the eve od modernity. Typ Journal Article Autor Markovic T Journal TheMA - Open Access Research Journal for Theatre, Music, Arts -
2013
Titel Franjo Ksaver Kuhac and mapping South Slavic musical culture. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Markovic T Konferenz Franjo Ksaver Kuhac (1834-1911). Glazbena historiografija i identitet / Musical historiography and identity -
2010
Titel Re/Defining the imaginary museum of national music: The case of Serbia. Typ Journal Article Autor Markovic T -
2010
Titel Serbian (musical) identity: From international to the national concept. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Markovic T Konferenz Music and the construction of national identities in the 19th century´; Editor(s) Beat Föllmi, Nils Grosch, Mathieu Schneider; Baden-Baden & Bouxwiller: Éditions Valentin Koerner (Sammlung musikwissenschaftlicher Abhanglungen) . -
2014
Titel Musical Narrative in the 19th-Century Opera ('Koštana' bz Petar Konjovic). Typ Conference Proceeding Abstract Autor Markovic T Konferenz Glasba in /za/ oder. Music and /for/ Stage -
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Titel (Auto)Biography as Musicological Discourse (proceedings). Typ Other Autor Markovic T -
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Titel Cultural memory building in south-eastern Europe at the eve of modernity. Typ Other Autor Markovic T -
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Titel Re/Constructing cultural memory musically (I Celebrating anniversaries: Musical life between political practice and cultural policy; II Private musical culture in the Habsburg Monarchy). Typ Other Autor Markovic T